Rose und Stahl (Originalseite)


© Alberto Korda

Rose und Stahl

Vor 40 Jahren starb ein kubanischer Rebell im Dschungel, und eine Ikone ward geboren. Ein Rückblick in Bildern auf das Leben des Che Guevara.  Von Karin Geil

Revolutionär und Industrieminister, Kämpfer und Bankenchef, Idealist und Ideologe – Ernesto Guevara de la Serna, genannt Che, war ein Mann voller Widersprüche. Heute steht er da als strahlender Held, als Mythos, auch dank dieses Bildnisses. Es ist der 5. März 1960 in Havanna. Bei einer Veranstaltung tritt Che an die Brüstung der Tribüne, und Fotograf Alberto Korda drückt auf den Auslöser. Das Ergebnis ist ein millionenfach reproduzierter, ein epochaler Posterboy. Doch wer steckt hinter dieser unnahbaren Christusgestalt mit dem schwarzen Barett? Wer war dieser facettenreiche Mann, dieser "vollkommenste Mensch unserer Zeit" (Sartre), der "die Härte von Stahl mit der Zartheit einer Rose" (Korda) verband?

©  ZEIT online,  5.10.2007 - 18:05 Uhr


© Editora Capitan San Luis
Aufgewachsen als Spross einer verarmten, linksintellektuellen Aristokratenfamilie - seine Mutter war die Urenkelin des letzten spanischen Vizekönigs von Peru –, sind Kindheit und Jugend überschattet von einer schweren Krankheit: Ernestito oder Teté genannt, geboren am 14. Juni 1928 im argentinischen Rosario, leidet unter Asthma. Der Einzige, der sich davon unbeeindruckt zeigt, ist Che selbst. Er spielt Fußball und Rugby, schwimmt und rennt wie jeder andere Junge aus seiner Nachbarschaft auch. Doch Teté ist nicht nur der kickende, bolzende und raufende chico. Die Bibliothek seines Vaters mit ihren fast 3000 Bänden ist ihm ein steter Quell neuer Gedanken und Erfahrungen. Der junge Che ist willensstark, robust, respektlos, widerspenstig, bisweilen starrköpfig, aber auch schweigsam, schüchtern, fast gehemmt – all die so unterschiedlichen Charaktereigenschaften des erwachsenen Che sind im Kind schon zu erkennen.

©  ZEIT online,  5.10.2007 - 18:05 Uhr


© Consejo de Estado (Cuba)
1947 beginnt Ernesto sein Medizinstudium in Buenos Aires. Er will Arzt werden, um ein Mittel gegen Asthma zu finden. Doch das Studium langweilt und enttäuscht ihn, die Abenteuer- und Entdeckerlust treibt ihn hinaus in die Welt. Zunächst allein, dann zusammen mit seinem Freund Alberto Granado bereist er den lateinamerikanischen Kontinent, mehr als 12 000 Kilometer, von Argentinien bis nach Venezuela. Unbeschwerte Reisen sollten es werden, trotz der „Gier ihrer Bäuche“ (Che). Doch am Ende können sie die Augen vor einer Tragödie namens Lateinamerika nicht mehr verschließen. Ernesto erschrickt vor dem Elend, der Armut und Hoffnungslosigkeit der Bevölkerung, vor dieser "Kinderkacke Gottes", wie er einmal notiert. "Die Reise hat unser Leben verändert. Wir wurden wütender, radikaler", erzählt Granado. Che fängt an, zu verstehen, dass er in dieser erbärmlichen Welt als Arzt wenig erreichen kann. Denn er will nicht das Leid Einzelner lindern, sondern die Welt verändern.

©  ZEIT online,  9.10.2007 - 09:45 Uhr


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Nach seinem Examen im Frühjahr 1953 verlässt er Argentinien erneut. Er reist nach Guatemala, wo er seine politische Feuertaufe erlebt. Er wird Zeuge einer US-amerikanischen Konterrevolution, nach der Präsident Arbenz und dessen Landreform der Vergangenheit angehören. Che ist empört und flüchtet mit seiner Frau Hilda 1954 nach Mexiko. Ein Jahr später trifft er dort auf die Exilkubaner um Fidel Castro: "In einer jener kalten mexikanischen Nächte machte ich seine Bekanntschaft. Im Morgengrauen war ich Teil seiner Expedition.“ Die Zeit der Diskrepanz zwischen theoretischem Feuereifer und praktischer Lethargie ist mit dieser Begegnung beendet: Che Guevara gesellt sich zu Castro und seinen Kumpanen und will mit ihnen - zunächst in der Rolle des Arztes - Kubas Tyrannen Fulgencio Batista stürzen.

©  ZEIT online,  9.10.2007 - 09:45 Uhr


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Bestens an Waffe und Guerillataktik geschult, besteigen Che, Castro und 80 weitere Mitstreiter am 25. November 1956 das Schiff, die "Granma". Doch Batista bekommt Wind von der Rebellion: Kaum hat die Mannschaft kubanisches Ufer betreten, geraten sie in einen Kugelhagel. 12 der 82 Männer überleben und sind nun umso grimmiger zum Kampf entschlossen. In Che erkennt Castro einen „wahren Kämpfer“ und ernennt ihn zum Commandante, in den höchsten Rang der Rebellenarmee. Vom Arzt zum Guerillero – Che berichtet von seinem Schlüsselerlebnis: "Wir lagen unter vollem Beschuss, und ich hatte eine Tasche mit Medikamenten und eine Kiste mit Munition vor mir. Ihr Gewicht machte es mir unmöglich, beide mitzunehmen. Ich nahm die Munitionskiste und ließ die Medikamententasche zurück." Am 29. Dezember 1958 eröffnet Che mit 364 Guerilleros die entscheidende Schlacht: Bei Santa Clara schlägt er Batista und seine Armee mit Molotowcocktails in die Flucht. Der Weg nach Havanna ist frei, am 2. Januar 1959 zieht Che triumphierend in die Hauptstadt ein.

©  ZEIT online,  9.10.2007 - 09:45 Uhr


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Castro und Che – zwei Lichtgestalten, die die revolutionären Fantasien der Studenten in Berlin, Paris, Mailand beflügeln, zwei starke Führer, deren Wege sich bald trennen sollten. Nach dem Ende der Rebellion heiratet Che erneut. Mit Aleida March de la Forre gründet er eine vierköpfige Familie – und stellt seine Ideologie, seine rigide und strenge Moral über alles und jeden. Karg geht es zu im Hause Guevara, von Beginn an. Speis und Trank der Hochzeitsfeier stiften die Gäste, der Dienstwagen ist tabu, und all die Geschenke seiner offiziellen Reisen – Schmuck, Bilder, Plastiken und Elektrogeräte – gibt er an gemeinnützige Einrichtungen. Che macht keine Kompromisse, weder in seinen Überzeugungen noch als Familienmensch. Für ihn existiert keine Trennung zwischen Politik und Privatsphäre. Sein Leben gehört nicht mehr ihm, sondern seiner „gewaltigen Aufgabe“, wie er seiner Mutter schreibt: „Ich habe keine Heimat, keine Frau, keine Kinder, keine Eltern, keine Geschwister, meine Freunde sind nur so lange meine Freunde, wie sie meine politische Meinung teilen. Jetzt kenne ich meine historische Pflicht.“

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Che kommt in seiner neuen Heimat - seit dem 9. Februar 1959 ist er kubanischer Staatsbürger - zu hohen Amtswürden. Er wird Präsident der Nationalbank und Industrieminister. Er trifft als Sprachrohr Kubas Chruschtschow und Mao Tse-tung, spricht 1964 vor der Genfer Welthandelskonferenz und schließlich vor der UN-Vollversammlung. Ein bärtiger Botschafter in olivgrüner Uniform und Militärstiefeln - die Welt ist fasziniert. Auf Kuba selbst jedoch soll er als Minister und Bankenchef grandios scheitern. Bereits drei Jahre nach der Revolution sieht sich das Castro-Regime gezwungen, Reis, Bohnen, Eier, Milch, Fleisch, Öl, Zahnpasta und Waschmittel zu rationieren. Als kompromissloser Wirtschaftslenker ohne ökonomisches Bewußtsein, mit einer übereilten Industrialisierung, dem vorschnellen Abbau der Zuckermonokultur, mit einer unsinnigen Planwirtschaft und dem festen Plan, das Geld abzuschaffen, bringt Che die Insel an den Rand eines wirtschaftlichen Kollapses.

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Che ist frustriert über die faulen Früchte seiner Arbeit: ein Land am ökonomischen Versorgungstropf der Sowjetunion, Bürger, die alles andere als "neue Menschen“ sein wollen, und ein ehemaliger Kampfgefährte, der sich allzu schnell dem politischen Pragmatismus ergibt. Che flüchtet vor diesen Zwängen der Realpolitik. Er entdeckt Afrika als Teil einer „Kampffront gegen den Kolonialismus, den Imperialismus und den Neokolonialismus“ und reist in den Kongo. Dort ist er Teil eines obskuren Putsches, um das „pro-westliche Regime“ von Moise Tschombé auszumerzen. Blind für die komplizierten ethnischen und kulturellen Schwierigkeiten, für die Eigenwilligkeit seines Partners Laurent Kabila, verrennt er sich in ein auswegloses Unterfangen: „Ich kann Dir versichern“, schreibt er Anfang Oktober 1965 an Castro, „wenn ich nicht hier wäre, hätte sich dieser schöne Traum längst in einem allgemeinen Chaos aufgelöst.“ Am Ende beugt er sich der verworrenen politischen Landkarte des Landes und zieht sich zurück.

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Einsam, an Körper und Seele verletzt, bleibt Che einige Zeit in Tansania, bevor er zu seiner letzten Mission aufbricht. Maskiert als kahlköpfiger, korpulenter Kaufmann aus Uruguay, unter dem Decknamen Adolfo Mena Gonzalez, reist er im November 1966 nach La Paz, um zu beweisen, dass der Sieg gegen Batista kein historischer Zufall war. Seine Wahnsinnstat, die Feuer der Revolution auch in die immergrünen Wälder Boliviens zu bringen, scheitert, nicht zuletzt durch die nachlassenden Kräfte des Commandante selbst. Sein Asthma lässt ihm auf den Marathonmärschen keine Ruhe, ohne Medikamente und Inhalator keucht Che zwischen Hochland und Dschungel von einem Basislager zum nächsten. Die Moral der Truppe schwindet, Che beginnt zu resignieren. An seinem letzten Geburtstag notiert der bis zuletzt exzessive Tagebuchschreiber: "Ich komme in das Alter, da ich die Zukunft als Guerillero überdenken muss."

©  ZEIT online,  9.10.2007 - 09:45 Uhr


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Gejagt von Militärs und CIA-Agenten, verpfiffen von Bauern, verschmäht von der bolivianischen KP und abgeschnitten von jedwedem Kontakt zu Kuba, schleppt sich der versprengte Rest der einst von Che herbeischwadronierten „Nationalen Befreiungsarmee“ am 8. Oktober 1967 in die Yuro-Schlucht. Dort warten bereits die Soldaten. In seiner letzten Schlacht verlassen Che Guevara die Kräfte, am Ende leistet er keinen Widerstand. Che wird gefangen genommen, in die Schule des kleinen Dorfs La Higuera gebracht und dort am nächsten Mittag, am 9. Oktober 1967 um 13.10 Uhr, von einem Dutzend Kugeln aus dem Gewehr eines betrunkenen Soldaten zu Boden gestreckt. Der "Tote mit den schönen Augen" wird in der Waschküche des Dominikaner-Hospitals "Senor de Malta" in Vallegrande der Weltöffentlichkeit präsentiert. Beide Hände werden ihm abgetrennt und zur Überprüfung der Fingerabdrücke gen Argentinien geschickt. Danach verschwindet der Körper, verscharrt unter dem Flugfeld in Vallegrande, und wird erst 30 Jahre später wieder auftauchen.

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Heute ist Che auf Kubas Straßen und im kubanischen Alltag präsent wie nie zuvor. Das Revolutionsmuseum in Havanna, eine 15 Meter hohe Statue in Santa Clara sowie das Mausoleum, wo er am 17. Oktober 1997 seine letzte Ruhe findet, erinnern Alt und Jung an den Revolutionsführer. Als er Kuba unwiderbringlich verlässt, schreibt er seinen Kindern einen Abschiedsbrief. Darin findet man sein Vermächtnis, eine Losung sowohl an seine Nachkommen als auch an den Rest der Welt. Geschrieben hat sie ein Menschenfreund und Weltverbesserer, ein Träumer und gefallener Held und auch ein zärtlicher Vater: „Seid immer fähig, bis ins Tiefste jede Ungerechtigkeit zu empfinden, die irgendwo auf der Welt irgend jemand angetan wird. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs.“

Weitere Bilder und Informationen zum Leben des Ernesto Che Guevara erhalten Sie in folgenden Bänden:
Christophe Loviny. Che, Die Fotobiografie. Kunstmann 2007
Christophe Loviny (Hrsg.). Korda sieht Kuba. Kunstmann 2003


Mehr zum Leben und Mythos des Che auf ZEIT online finden Sie auf unserer Themenseite "Che Guevara"

©  ZEIT online,  9.10.2007 - 09:45 Uhr