Che Guevaras Abschiedsbrief und Auszug aus Kongo-Aufzeichnungen
Quelle: http://userpage.fu-berlin.de/~berthoff/kubakurs/che.htm

Ernesto Che Guevara: Abschiedsbrief an Fidel Castro

An Fidel Castro

Havanna, "Jahr der Landwirtschaft"

Fidel, ich erinnere mich in dieser Stunde an viele Dinge, als ich Dich im Haus von Maria Antonia' kennenlernte, als Du mir vorschlugst zu kommen, an die ganze Spannung der Vorbereitungen. Eines Tages kamen sie vorbei und fragten, wen man im Todesfälle benachrichtigen solle, und die echte Möglichkeit der Tatsache bestürzte uns alle. Danach erfuhren wir, daß es wahr war, daß man in einer Revolution triumphiert oder stirbt (wenn es eine richtige ist). Viele Genossen blieben auf dem Weg zum Sieg zurück.

Heute hat alles einen weniger dramatischen Ton, weil wir reifer sind, aber die Tatsache wiederholt sich. Ich fühle, daß ich den Teil meiner Pflicht erfüllt habe, der mich an die kubanische Revolution auf ihrem Gebiet band, und ich verabschiede mich von Dir, von den Genossen und von Deinem Volk, das auch meins ist.

Ich verzichte formell auf meine Ämter in der Parteiführung, auf meinen Ministerposten, auf meinen Rang als "Comandante", auf meine kubanische Staatsangehörigkeit. Kein Gesetz bindet mich an Kuba, nur Bindungen anderer Art, die man nicht wie die Ernennungen brechen kann.

Wenn ich mein vergangenes Leben resümiere, glaube ich, mit genügend Ehrenhaftigkeit und Hingabe gearbeitet zu haben, um den revolutionären Triumph zu festigen. Mein einziger Fehler von einiger Schwere ist gewesen, Dir nicht noch mehr vom ersten Augenblick der Sierra Maestra anvertraut zu haben und nicht schnell genug Deine Eigenschaften als Führer und Revolutionär verstanden zu haben. Ich habe großartige Tage erlebt und fühlte an Deiner Seite den Stolz, in den glänzenden und traurigen Tagen der Karibikkrise zu unserem Volk zu gehören. Selten hat ein Staatsmann mehr als in jenen Tagen geglänzt, ich bin auch stolz darauf, Dir ohne Schwanken gefolgt zu sein und mich mit Deiner Art zu denken, zu sehen und die Gefahren und Prinzipien zu würdigen, identifiziert zu haben.

Andere Gegenden der Welt verlangen die Unterstützung meiner bescheidenen Kräfte. Ich kann tun, was Dir wegen Deiner Verantwortung gegenüber Kuba versagt ist, und die Stunde unserer Trennung ist gekommen. Sie sollten aber wissen, daß ich es mit einer Mischung aus Freude und Schmerz tue; hier lasse ich meine reinsten Hoffnungen als Erbauer und das Liebste meiner geliebten Wesen zurück... und ich lasse ein Volk zurück, das mich wie einen Sohn aufgenommen hat; das zerreißt einen Teil meines Geistes. Auf die neuen Schlachtfelder werde ich den Glauben tragen, den Du mir beibrachtest, den revolutionären Geist meines Volkes, das Gefühl, die heiligste meiner Pflichten zu erfüllen: gegen den Imperialismus zu kämpfen, wo auch immer er sich befindet; das stärkt und heilt reichlich jede Zerrissenheit.

Ich sage noch einmal, daß ich Kuba von jeder Verantwortung freispreche außer der, die aus seinem Beispiel kommt. Wenn für mich die endgültige Stunde unter anderem Himmel kommt, wird mein letzter Gedanke diesem Volk und besonders Dir gelten. Ich danke Dir für Deine Lehren und Dein Beispiel, dem ich versuchen werde treu zu sein bis zu den letzten Konsequenzen meiner Handlungen. Ich habe mich immer mit der Außenpolitik unserer Revolution identifiziert und tue es auch weiterhin. Wo auch immer ich bin, werde ich die Verantwortung fühlen, ein kubanischer Revolutionär zu sein, und als solcher werde ich handeln. Ich hinterlasse meinen Kindern und meiner Frau keine materiellen Güter, und das tut mir nicht leid: es freut mich, daß es so ist. Ich bitte um nichts für sie, denn der Staat wird ihnen genügend für ihre Leben und ihre Erziehung geben.

Ich müßte Dir und unserem Volk viele Dinge sagen, aber ich fühle, daß sie unnötig sind; die Worte können nicht das ausdrücken, was ich möchte, und es ist nicht der Mühe wert, Blätter vollzuschmieren.

Immer bis zum Siege. Vaterland oder Tod!

Es umarmt Dich mit ganzer revolutionärer Hingabe

Che.

(Übersetzung: Martin Franzbach)

aus: Franzbach, Martin (Hg.): Kuba. Materialien zur Landeskunde. Frankfurt: Vervuert Verlag 1988 (3. Aufl.), S. 103-105

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 aus Che Guevaras Kongo-Aufzeichnungen

[Anm. "zu bleiben" ist als "zu sterben" zu lesen - B. H.]

"Es gilt die schwierigste aller Analysen zu ziehen, diejenige meines persönlichen Verhaltens. Ich habe die selbstkritische Analyse so weit vorangetrieben, wie ich konnte, und bin zu folgenden Schlußfolgerungen gekommen: (....)
Im entscheidenden Moment wagte ich nicht, das äußerste Opfer zu verlangen. Es war ein inneres psychisches Hemmnis. Für mich war es sehr einfach, im Kongo zu bleiben. Vom Gesichtspunkt der Selbstachtung des Kämpfers war es das, was getan werden mußte; (...) Ich denke, daß ich mich innerlich vom Ballast der Selbstkritik hätte befreien und einer bestimmten Anzahl Compañeros diese letzte Geste hätte abverlangen müssen, wenigen nur, doch wir hätten bleiben müssen."

aus: Taibo III, Paco I.: Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren; Berlin: Amsterdam: ID-Archiv 1996, S. 235/236

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