Ein Heiliger ohne Gott

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Für Rupert Neudeck ist Che Guevara mehr als ein Gesicht auf T-Shirts und Postern

28. August 1967. Die Situation wurde besorgniserregend; die Macheros erlitten Ohnmachtsanfälle. Miguel und Dario tranken Urin, Durchfälle und Krämpfe waren die katastrophale Folge. (Guevara: "Bolivianisches Tagebuch")

foto original del cubano Alberto Diaz Gutierrez, Havana, marzo de 1960Das Portrait von Ernesto »Che« Guevara ist das wohl meistverbreitete Bild in der Geschichte der Photographie. Der Kubaner Alberto Diaz Gutierrez (»Korda«) nahm es im März 1960 bei einer Kundgebung in Havanna auf

Reimt sich im Leben des globalen Guerilleros Che Guevara eigentlich alles auf Erfolg? Oder eher auf Frustration und Vergeblichkeit, ja Scheitern? Er hat das Scheitern bis in den bitteren Tod im bolivianischen Urwald erlebt. Er ahnte schmerzlich, daß die Befreiung der Menschheit und die Weltrevolution nicht so einfach zu haben sind. Schmerzlich erfuhr er: Die Welt will betrogen werden, die bolivianischen und kongolesischen Bauern wollen nicht unbedingt befreit werden.

Was ihn mir gerade deshalb so vorbildlich gemacht hat, gegenüber allen Salonlöwen der Revolution: Er hat sich wirklich unter die dreckigen Höhlen- und Zeltbewohner gemischt. Er blieb einfach - bei den hermanos und camaradas. Er beanspruchte keine Sonderrechte wegen seines Ministertitels oder wegen seines Asthmas.

Dieser Argentinier (1928 geboren) wurde Arzt, Revolutionär und Guerillaoffizier und dazu einer der wagemutigsten. Nach dem Sieg wurde Che Wirtschaftsminister, bald aber hielt er das vornehme Getue und die vergeblichen Mühen auf bürokratischer Ebene nicht mehr aus.

Che Guevara erlebte die Stunde der Wahrheit wie später der Priester Ernesto Cardenal: Enthusiasmus reicht nicht, es muß harte Kompetenz her. Um ihn herum waren eher solche Spinner und Träumer wie ich einer bin: Geisteswissenschaftler, Philosophen, Theologen, studierte Aufwiegler - mit zarten Händen, an denen die Bauern in Bolivien und die Malocher in Europa nur verächtlich vorbeigehen.

Er hatte eine Tugend, die in unseren modernen Versicherungsgesellschaften beinahe verboten ist: Mut. Che Guevara haßte Feigheit, fand sie unendlich viel schlimmer als das Abweichen von der Generallinie. "Es ist ein typischer Fall von Feigheit", schreibt er im Tagebuch über einen Gefährten, der abhauen will. Über die intellektuellen Revolutionstouristen hätte er schallend gelacht wie heute über die Konferenztouristen, die lieber Statements über das Minenräumen abgeben als es zu tun.

Che Guevara ist der von Albert Camus in der Gestalt des Arzthelfers Tarrou beschriebene "Heilige ohne Gott".

"Recht und Gerechtigkeit sind auch schön - und sie haben ihre Poesie, wenn sie vollzogen werden", hat Heinrich Böll 1984 gesagt. Er hat auch Che Guevara gemeint, der vergeblich versucht hat, "Recht und Gerechtigkeit" zu begehren und "zu vollziehen".

Rupert Neudeck, 58, ist Journalist und gründete 1979 das Komitee "Ein Schiff für Vietnam", aus dem 1982 das "Komitee CAP ANAMUR/Deutsche Notärzte e. V." wurde. Das Honorar für diesen Artikel spendet er der deutschen Sektion von "Reporters sans frontières"

(C) DIE ZEIT magazin Nr. 15 vom 2.4.1998, Seite 10

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