Ikone einer ganzen Generation

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von Elke Schubert

Drei Biographien über Che Guevaras Leben und Sterben

Als Ernesto Che Guevara in den Mittagsstunden des 9. Oktober 1967 von der Kugel eines halbautomatischen Gewehrs tödlich getroffen wurde, war der Mythos des weltlichen Heiligen geboren, der für die Armen und Entrechteten Lateinamerikas das eigene Leben opferte. Für seine Gegner war Che einer der gefährlichsten Männer des Kontinents, für seine Anhänger ein Märtyrer, dessen Bild sich im Laufe der Jahrzehnte immer mehr verklärte. Wie kein anderer symbolisiert Che die Aufbruch-stimmung der Studenten Ende der sechziger Jahre mit all ihren Träumen, ihrem Scheitern und schließlich auch mit ihrer Resignation. Che Guevara wurde zum Popstar, zum Symbol einer rebellischen Jugend schlechthin.

Das weltberühmte Photo, das den aufgebahrten Leichnam der Öffentlichkeit präsentierte, erwies sich für die Absichten seiner Verfolger als kontraproduktiv. Weil sie keinen Zweifel an der Identität des Ermordeten aufkommen lassen wollten, wurde der Tote gewaschen, sein Haar entfilzt, der Bart gestutzt und in einem sorgfältig komponierten Arrangement photographiert. Für seinen Biographen Jorge Castañeda hat dieses Photo beträchtlich zum Mythos des Märtyrers beigetragen: "Es ist, als blicke der tote Guevara verzeihend auf seine Mörder und erkläre der Welt, daß die, die für ihre Idee sterben, ihre Leiden transzendieren."

Wer war dieser Ernesto Guevara, der am 8. Oktober im Dschungel Boliviens zusammen mit seinen wenigen verbliebenen Mitstreitern vom bolivianischen Militär unter tatkräftiger Mithilfe des amerikanischen CIA gefangengenommen wurde, um einen Tag später auf Anweisung der bolivianischen Regierung hingerichtet zu werden? Zum 30. Todestag sind in Deutschland drei Biographien erschienen, die sich auf unterschiedliche Weise dem Phänomen und der Person Che Guevaras nähern.

Der in Mexiko lebende Schriftsteller Paco Ignacio Taibo II will Ches Leben wie "eine Geschichte von damals" erzählen und nicht den Fehler machen, vom Resultat auf die Vorgeschichte zu schließen, soll heißen, das Leben nach Anekdoten zu durchforsten, die Rückschlüsse auf den späten Che zulassen könnten. Seine Biographie ist mit heißem Herzen geschrieben, voller Sympathie für die kubanische Revolution und ihre Protagonisten, ohne daß der Autor in den Fehler verfällt, den zahlreichen offiziellen Hagiographien eine weitere hinzuzufügen.

Taibo verwendet über eigene Recherchen hinaus Ches Tagebücher, Briefe, Reden und politische Artikel. Damit nähert er sich dem politischen Menschen Che, der untrennbar mit dem privaten verbunden ist, ohne psychologische Klischees zu entwickeln, mit denen gesellschaftliches Handeln erklärt werden soll. Gleichwohl nimmt sich Taibo die Zeit, um in aller Ausführlichkeit über Ches Kindheit, Jugend und Erwachsenenjahre zu schreiben. denn vieles, was zunächst unbegreiflich erscheint, läßt sich eben doch auf bestimmte Ereignisse zurückführen, die Ches Leben entscheidend beeinflußt haben.

Besondere Aufmerksamkeit schenkt Taibo der Reise auf der legendären Jacht Grandma, mit der die Revolutionäre von Mexiko nach Kuba übersetzten. Die Überfahrt glich einem Fiasko; das Schiff leckte, die Besatzung wurde krank und die Nahrungsmittel knapp, weil das Unternehmen wesentlich länger als erwartet dauerte. Zu allem Überfluß landete die Grandma nicht an geplanter Stelle, sondern zwei Kilometer entfernt in einem unwegsamen Sumpfgelände, wo die Rebellen bereits von der kubanischen Armee erwartet wurden. Über ein Jahr dauert der Kampf der Guerilla, bis Batista am 1. Januar 1959 endlich aus Kuba flieht. Che ist inzwischen vom Truppenarzt zum commandante aufgestiegen, der sich immer mehr - im Gegensatz zu Castro - dem Marxismus angenähert hat. So zerschlägt sich die Hoffnung der USA, eine Militärjunta unter ihrer Kontrolle zu installieren. Doch mit dem Sieg der Revolution beginnen die "Mühen der Ebene", denen Che nicht gewachsen ist.

"Die Größe und Tragik in Guevaras Leben mag in seinem Glauben gelegen haben, daß alle Lateinamerikaner genauso dachten wie er", schreibt der mexikanische Politikwissenschaftler Jorge Castañeda in seiner Biographie, in der er auch auf bisher unzugängliche Dokumente der CIA zurückgreift. Und Taibo zitiert den amerikanischen Journalisten J. F. Stone: "Mit der Machtübernahme tritt die Revolution wie die Kirche in einen Zustand der Sünde ein. Man kann sich leicht vorstellen, wie diese langsame Erosion der ursprünglichen Tugend Che gestört haben muß. Er war kein Kubaner und konnte nicht damit zufrieden sein, nur ein einziges lateinamerikanisches Land vom Imperialismus befreit zu haben."

Tatsache ist, daß Che nach einem wenig erfolgreichen Intermezzo als Industrieminister und Bankpräsident 1965 zu seinem desaströsen Unternehmen in den Kongo und ein Jahr später nach Bolivien aufbrach. Ches dritten Biographen, den Journalisten Jon Lee Anderson, haben vor allem dessen kubanische Jahre interessiert. Aus diesem Grunde verbrachte er mehrere Jahre auf Kuba, um für seine Biographie zu recherchieren. Er hat mit nahezu allen Familienmitgliedern Guevaras gesprochen, seinem Bruder, der zweiten Ehefrau Aleida, den insgesamt fünf Kindern aus beiden Ehen; mit Freunden und Kampfgefährten.

Für Anderson deuten mehrere Ereignisse darauf hin, daß in den sechs kubanischen Jahren die Charakterzüge Ches am deutlichsten zutage treten und eben auch jene Mißverständnisse, die ihm im Kongo und in Bolivien zum Verhängnis wurden. Er war ebenso unnachgiebig sich selbst gegenüber wie auch seiner Familie. In einem langen Brief an die kubanische Bevölkerung hat er sich einmal entschuldigt, daß er wegen heftiger Asthmaattacken zeitweilig in einer Strandvilla aus der Kolonialzeit leben "mußte", und seiner Familie mutete er ein äußerst spartanisches Leben zu.

Nicht Fidel Castro war demnach der unbeugsame Herrscher, der Unmögliches von der Bevölkerung Kubas erwartete und keine Kritik zulassen wollte, ein Bild, das sich seit Jahrzehnten hartnäckig in den Medien hält. Vielmehr war Castro moderat und voller Verständnis für die Nöte der Bevölkerung, während Ches Forderungen an moralischer Rigorosität nicht zu überbieten waren, vielleicht auch deshalb, weil er trotz aller Verehrung, die ihm entgegengebracht wurde, sich in diesem Land nicht wirklich heimisch fühlte.

Anderson beschreibt überzeugend, daß sich hinter der Maske des über alle Zweifel erhabenen Guerillakämpfers und Revolutionärs immer ein Mensch mit Fehlern und Schwächen verbarg. Erst im letzten Jahr wurden Ches Aufzeichnungen aus dem Kongo auf deutsch veröffentlicht ("Das Jahr, in dem wir nirgendwo waren", ID-Archiv), die das ganze Ausmaß seiner Irrtümer dokumentieren. In diesem künstlichen. aus der Kolonialzeit geborenen Staatsgebilde waren die Interessen der einzelnen Gruppen zu unterschiedlich, um für einen gemeinsamen Kampf gegen die Diktatur gebündelt zu werden, so daß der importierten Guerilla nichts anderes übrigblieb, als die Zeit mit enervierendem Warten zu verbringen. Weit klafften auch die offiziellen kubanischen Berichte und die Realität der Mission im Kongo auseinander, wie Anderson am Schock der Neuankömmlinge beschreibt, die über Tansania ins Land geschleust wurden. Bei ihrem ungeordneten Rückzug mußte die kubanische Gruppe ihre kongolesischen Kampfgefährten zurücklassen und damit dem sicheren Tod preisgeben, eine Tatsache, die Che noch monatelang quälte.

Wer eigentlich für die Entscheidung verantwortlich war, ausgerechnet Bolivien als nächstes Operationsgebiet auszuwählen, ist laut Anderson umstritten, während Jorge Castañeda zu belegen versucht, daß der kubanische Staatschef seinen Freund daran hindern wollte, einen aussichtslosen Guerillakampf gegen die hochgerüstete Armee seines Heimatlandes Argentinien zu führen. Doch die Bedingungen in Bolivien sollten sich als nicht weniger ungünstig erweisen. Hier gab es nicht einmal die Ansätze einer Guerilla wie im Kongo, und mit der kommunistischen Partei, die ihren Führungsanspruch an die Revolution anmeldete, gerieten die Kubaner sogleich aneinander.

Das Operationsgebiet lag in einer kargen Gegend, in der die Bauern kein Interesse an einer Veränderung ihrer Situation zeigten, sondern die "fremde Guerilla", wo sie nur konnten, an die bolivianische Armee gegen Belohnung verrieten. Nach dramatischen Verlusten der ohnehin spärlich besetzten Gruppe war Ches Schicksal am 8. Oktober 1967 besiegelt, jenem Tag, als er mit dem Rest seiner Einheit in einen Hinterhalt geriet und in der Yuro-Schlucht festgenommen wurde.

Die letzten Stunden des Che Guevara in der nahe gelegenen Stadt La Huegera sind in allen drei Biographien nahezu lückenlos dokumentiert. Da das bolivianische Gesetz keine Todesstrafe vorsah und die Regierung sich einen im Gefängnis sitzenden Märtyrer ersparen wollte, war Ches Tod beschlossene Sache. Der Leichnam wurde in das kleine Dorf Vallegrande transportiert, wo er fast dreißig Jahre verschwunden blieb, bis man glaubte, seine Überreste unter der Landebahn des kleinen Flughafens gefunden zu haben, rechtzeitig zu den Feierlichkeiten in Kuba anläßlich des 30. Todestages.

Taibo und Jon Lee Anderson berichten übereinstimmend über den "Fluch des Che", der fast alle an seiner Verhaftung und Erschießung Beteiligten traf. Sie litten an seltsamen Krankheiten, wurden plötzlich von asthmatischen Anfällen heimgesucht oder starben bei mysteriösen Unfällen. Aber nicht das allein ist Ches Vermächtnis; er starb früh genug, um als strahlender und junger Held in die Geschichte einzugehen, als Symbol für den entsagungsvollen Guerillero und Hoffnungsträger, bis sein Konterfei auf T-Shirts und Plakaten verramscht wurde.

Alle drei Biographien werden auf unterschiedliche Weise der Person Ches gerecht. Die Autoren haben gründlich recherchiert, um die Person Guevaras in den Zusammenhang der politischen Ereignisse zu stellen. Überzeugend wird auch die unrühmliche Rolle durchleuchtet, welche die beiden Blöcke USA und Sowjetunion bei der Kubanischen Revolution und dem Befreiungskampf in Lateinamerika und Afrika spielten. Während sich die Biographie des Schriftstellers Taibo im Ton von der Nüchternheit der beiden anderen Autoren unterscheidet, ohne eine kritische Parteinahme zu vernachlässigen, interessieren Lee Anderson vor allem die taktischen Fehler im Befreiungskampf und die Mühen des jungen Staates Kuba in der Ära nach Batista. Aber auch Castañeda demontiert einen Mythos, an dem nicht zuletzt Che durch seine Schriften und Taten selbst beteiligt war. Einig sind sich alle drei Autoren in einer Charakterisierung Ches, die - fundiert begründet und mit zahlreichen Dokumenten belegt - am Bild des unfehlbaren Helden kratzt, ohne von antikommunistischen Motiven bestimmt zu sein.

Dieser Che Guevara, der uns in den Biographien entgegentritt, war ein Mensch, der sich und anderen mit einer rigorosen Moral alles abverlangte, der seine Schwächen geschickt verbarg und durch seinen frühen Tod zur lkone einer ganzen Generation wurde.

Paco Ignacio Taibo II: Che Die Biographie des Ernesto Che Guevara; aus dem Spanischen von Horst Rosenberger; Edition Nautilus, Hamburg 1997; 704 S., 68,- DM

Jorge G. Castañeda: Che Guevara Biographie; aus dem Englischen und Spanischen von Christiane Barckhausen, Sven Dörper, Ursula Gräfe und Udo Rennert; Insel Verlag; Frankfurt 1997; 640 S., 60,- DM

Jon Lee Anderson: Che Biographie; aus dem Amerikanischen von Barbara Steckhan; List Verlag, München 1997; 860 S., 58,- DM

(C) DIE ZEIT Nr. 42 vom 10.Oktober 1997, Seite 23

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