DIE ZEIT magazin Nr 41 vom 3. Oktober 1997

Ches Tochter

von Gabriela Greess

Wie lebt es sich mit einem Volkshelden als Vater, der dreißig Jahre nach seinem Tod mehr bewundert wir als je zuvor? Aleida Guevara March ist eines von fünf Kindern Che Guevaras. Sie war sechs Jahre alt, als er starb. Jetzt wacht die Ärztin in Havanna über sein Erbe. Sie verteidigt den kubanischen Staat und möchte so sein wie ihr Vorbild: "Ich würde in den Kampf ziehen wie Papa." Ein Gespräch über Vaterliebe, Heldenverehrung und schmutzige Fingernägel.

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Heute lebt die 36jährige mit ihren Töchtern Estefania, 8, und Celia, 7, in der kubanischen Hauptstadt

ZEITmagazin: Wie lebt es sich als Tochter eines Helden auf Kuba?

Aleida Guevara: Kennen Sie das Lied der spanischen Sängerin Ana Belén, in dem sie von einer überwältigenden Liebe singt? Genau dieses Gefühl haben mir die Menschen hier auf Kuba immer gegeben, weil ich die Tochter von Che Guevara bin. Das ist ein großes Geschenk, ich habe es ganz unverdient in die Wiege gelegt bekommen. Dessen wollte ich mich immer würdig erweisen.

ZM: Dann ist Ihr Leben sicherlich nicht besonders anstrengend.

Guevara: Warum?

ZM: Weil Sie doch offensichtlich privilegiert sind: Sie wohnen mit Ihren beiden Töchtern in einer geräumigen Wohnung, im selben Stadtteil residieren Botschaften und ausländische Firmen in alten Villen.

Guevara: Das ist eine ganz normale Wohnung, in diesem Stadtteil leben ganz normale Kubaner. Ich hatte nie Privilegien, meine ganze Familie nicht. Mein einziges Privileg besteht darin, daß ich sehr viele Leute kenne. Ich bin auf Kuba nichts Besonderes. Meine Mutter hat es stets abgelehnt, bevorzugt behandelt zu werden, obwohl Freunde meines Vaters auf hohen Staatsposten immer wieder versuchten, unseren menschlichen Verlust zu lindern. Sie legte Wert darauf, daß wir wie alle kubanischen Kinder aufwuchsen - sogar in den siebziger Jahren, als es in Kuba nicht einmal Kleidung zu kaufen gab. Wir Kinder mußten Unterwäsche tragen, die aus alten Kleidern meiner Mutter geschneidert war. Im Internat lief ich eine Zeitlang sogar ohne Unterwäsche herum, denn man hatte mir die wenigen Slips und BHs, die ich besaß, geklaut.

ZM: Sie reisen häufig ins Ausland. Die meisten Kubaner können sich das nicht leisten.

Guevara: Ich werde häufig ins Ausland eingeladen, weil ich die Tochter des berühmten Che bin, aber auch als Mitglied der Kommunistischen Partei und als revolutionäre Kubanerin. Die Situation meines Landes beunruhigt viele Menschen außerhalb Kubas; sie schicken uns Spenden, auch Medikamente. Wenn ich verreise, kommen die Gastgeber für meinen Unterhalt au£ Der Staat zahlt mir nichts, ich verlasse das Land ohne einen Dollar in der Tasche. Trotzdem war ich bereits in Belgien, Spanien und Italien und vor kurzem erst in Argentinien, wo ich in der Talk-Show "Hola Susana" von meinem Vater erzählte. Als eine der besten Studentinnen meiner Fakultät habe ich an Austauschprogrammen in Ungarn, Polen und der Sowjetunion teilgenommen. Einmal wurden meine Schwester Celia und ich nach Bulgarien eingeladen - von einer Arbeiterbrigade, die den Namen meines Vaters trägt.

ZM: Sie arbeiten am Kinderkrankenhaus William Soler als Fachärztin für Asthma und Allergien. Wieviel verdienen Sie da?

Guevara: 370 Pesos im Monat, etwa 18 Dollar, für kubanische Verhältnisse war das einmal ein sehr gutes Gehalt. Heute reicht es nur, wenn ich streng haushalte, denn die Preise sind in die Höhe geschnellt, und der kubanische Peso hat an Wert verloren. Das kriegt hier jeder zu spüren. Seit der Sozialismus in der Sowjetunion zusammengebrochen ist, steht unser Land völlig allein da. Meine Töchter Estefania und Celia sind in einer Ganztagsschule untergebracht. Sie bekommen dort zu essen, meistens Reis und Bohnen, ab und zu Eier oder etwas Fleisch aus der Dose und regelmäßig Fisch. Im Haushalt hilft mir Ernestina, eine Krankenschwester, die während der kubanischen Revolution bereits meinen Vater betreute.

ZM: Gut leben kann man in Kuba nur mit Dollars, viele junge Frauen prostituieren sich. Läßt Sie das nicht an der Revolution zweifeln?

Guevara: Nein. Die kubanische Gesellschaft verurteilt Prostitution, und die Ideale der Revolution sind trotz der wirtschaftlichen Probleme sehr lebendig. Heute treten mehr junge Leute in die Partei ein als noch vor ein paar Jahren. Und ich verlange mir in meinem Beruf Spitzenleistungen ab. Im Stadtbezirk meiner Klinik habe ich als Parteimitglied zusätzliche Aufgaben übernommen. Das ist für mich die Antwort auf all die Zuwendung, die ich hier mein Leben lang bekommen habe.

ZM: Ihr Vater starb, als Sie sechs Jahre alt waren. Erinnern Sie sich noch an den Moment, in dem Sie erfuhren, daß Ihr Vater tot war?

Guevara: Natürlich. Fidel Castro ließ mich und meine ältere Schwester Hildita zu sich rufen und sagte: "Che hat mir eine Karte geschrieben, auf der er euch mitteilen läßt, daß ihr nicht weinen sollt, falls ihm etwas zustößt. Denn dann ist er für eine gerechte Sache gestorben." Erst später wurde mir klar, daß Onkel Fidel die Geschichte mit der Karte erfunden hatte, um uns sanft auf Ches Tod vorzubereiten. Erst am nächsten Tag sagte mir Mutter die Wahrheit. Das war Mitte Oktober 1967. Sie las mir den Brief vor, den Che uns hinterlassen hatte: "Wenn ihr diesen Brief lest, werde ich nicht mehr leben." Und: "Seid immer fähig, jede Ungerechtigkeit zu empfinden, die irgendwo auf der Welt jemandem angetan wird. Das ist die schönste Eigenschaft eines Revolutionärs." Dieser Abschnitt des Briefes verbindet mich am meisten mit ihm.

ZM: Sie verehren Ihren Vater.

Guevara: Ja, aber es hat lange gedauert, bis mir das bewußt wurde. Ich war schon eine Jugendliche, als ich mich endlich fragte: Warum liebe ich meinen Vater eigentlich so sehr, obwohl wir nur kurz zusammengelebt haben? Da machte es klick, und ich begann, meine Kindheit neu zu sehen. Ich wollte mich erinnern - und begreifen, welche Spuren er in mir hinterlassen hat.

ZM: Woran erinnern Sie sich?

Guevara: Ich weiß noch, daß ich oft neben meiner Mutter schlief, wenn er spätnachts nach Hause kam. Dann trug er mich in mein Zimmer und gab mir einen so heftigen Kuß, daß ich aufwachte. Mein Vater war ein sehr emotionaler Mensch, er konnte mir sogar angst machen. Ich glaube aber, daß er mir in der wenigen Zeit, die wir füreinander hatten, ein ganz starkes Gefühl vermitteln wollte. Ich spürte deutlich, daß er mich liebte und brauchte. Auch anderen Menschen konnte er mit wenigen Gesten zeigen, daß er sie mochte.

ZM: Als Sie klein waren, war Ihr Vater Industrieminister und Präsident der Nationalbank. Wie oft haben Sie ihn überhaupt gesehen?

Guevara: Leider nur ganz selten. Er hatte viel zu tun und war häufig auf Reisen, um die Botschaft der kubanischen Revolution in die Welt zu tragen. Manchmal nahm er mich mit aufs Zuckerrohrfeld, denn selbst als Minister wollte er mit freiwilligen Arbeitseinsätzen der Bevölkerung ein Beispiel geben. Dann standen wir um sechs Uhr auf. In der Plantage setzte er mich in eine geschützte Ecke, wo abgeschlagenes Rohr lag, und machte sich ans Schneiden, während ich an Zuckerrohrstückchen lutschte. Wir waren zufrieden, weil wir so wenigstens einige Stunden zusammen waren.

ZM: Ein Vater, der fast nie da ist und auch noch eine Kampfuniform trägt - hat er Ihnen als kleines Kind nicht manchmal einen Schrecken eingejagt?

Guevara: Nein, nie. Wir sind in einem Milieu aufgewachsen, in dem der Anblick einer Uniform ganz normal war. Mein jüngerer Bruder Ernesto wollte unbedingt Guerillkämpfer werden, und immer, wenn er einen bärtigen Mann in Uniform sah, schrie er: "Mein Papa, mein Papa!"

ZM: Haben Sie ihn auch Papa genannt - oder einfach Che?

Guevara: Natürlich Papa. Vielleicht habe ich ihn manchmal auch Che genannt, wie seine Freunde bei der Guerilla. Das ist ein Ehrenname, er bedeutet soviel wie Kumpel. Che stammte ja aus Argentinien, und für die Kubaner war der Name ein Zeichen: Er ist einer von uns.

 ZM: Waren Sie als Tochter des Che auch Fidel Castro nah?

Guevara: Als älteste Tochter hatte ich in der Familie am häufigsten Kontakt zu ihm. Ich fühlte mich von klein auf zu ihm hingezogen. Er war für mich eine Art Ersatzvater. Er achtete zum Beispiel darauf, daß ich nicht mit schmutzigen Fingernägeln herumlief, und er nahm mich mit aufs Land, um mir zu erklären, welche Rinderarten es gibt und welche Vorteile Holsteiner gegenüber Zebus haben. Auch heute habe ich zu Fidel noch ein gutes Verhältnis, meine Kinder nennen ihn Opa.

ZM: Wie kam Ihre Mutter, Aleida March, mit einem Volkshelden und Guerillero als Mann zurecht?

Guevara: Sie litt sehr darunter, daß sie mit ihm nicht wie andere Paare zusammenleben konnte, denn sie hat ihn sehr geliebt. Es tat ihr aber auch weh, daß er 1966 nach Bolivien ging, um zu kämpfen. Sie mußte zu Hause bleiben, um sich um uns vier Kinder zu kümmern. Ich war erst fünf Jahre alt, doch ich spürte genau, wie unglücklich sie war. Che war der erste Mann in ihrem Leben und zugleich ihr Lehrmeister. Sie hatte ihn während der Revolution kennengelernt und Seite an Seite mit ihm gekämpft. Als mein Vater tot war, tat sie alles, um die Erinnerung an ihn wachzuhalten - und das Gefühl, er sei immer noch da. Sie erklärte uns, wofür er gekämpft hatte und wofür er gestorben war. Sie sprach sehr zärtlich von ihm und vermittelte uns nie den Eindruck, als sei er nur eine Autoritätsfigur. Aus ihren Erzählungen kenne ich viele seiner Vorlieben.

ZM: Zum Beispiel?

Guevara (lacht): Beim Frühstück nahm er seinen Kaffee immer ohne Zucker, mit einem Glas Mineralwasser. Auch Wein trank er verdünnt. Ich wußte genau, welches Handtuch er benutzte. Er liebte es, ganz heiß zu duschen. Und er kämmte sich nur äußerst ungern. Meine Mutter mußte ihm immer wieder seine wilde Mähne ordnen.

ZM: Ihr Vater war Arzt wie Sie. Finden Sie, daß Sie ihm sehr ähnlich sind?

Guevara: Es gibt wenige Dinge, die wir nicht gemeinsam haben. Nur hatte mein Vater nie die Gelegenheit, Facharzt für Allergologie zu werden. Und ich war niemals Guerillakämpferin. Ich photographiere auch gern, wie er, aber Photomaterial ist leider kaum noch zu bezahlen. Und ich lese Goethe, den mochte Che ebenfalls.

ZM: Können Sie sich vorstellen, wie er in einen Dschungelkrieg zu ziehen?

Guevara: Natürlich. Ich kann gut schießen und bin auf der Schule militärisch perfekt ausgebildet worden wie fast jeder Kubaner und jede Kubanerin. Das gehört auf Kuba einfach dazu.

ZM: Sie haben Ihrem Vater stets nachgeeifert. 1983 gingen Sie nach Nicaragua, um die Welt zu retten.

Guevara: Damals drohte eine Invasion der Nordamerikaner. Ich war die beste Studentin an meiner Fakultät und wurde nach Nicaragua geschickt, weil wir zuwenig ausgebildete Ärzte hatten für diese Mission. Ich hatte ausdrücklich darum gebeten. Nur meine Mutter war dagegen.

ZM: Vielleicht hatte sie Angst, auch Sie noch zu verlieren.

Guevara: Ja, dabei hat sie mir ein starkes Gerechtigkeitsgefühl anerzogen und mich gelehrt, anderen Menschen zu helfen und immer die Wahrheit zu sagen. Wir sind beide ganz schön eigensinnig. Meine Beziehung zu ihr ist nicht immer leicht.

ZM: Mit Ihrem Vater verbindet Sie auch, daß Sie mit dem Sohn eines seiner bolivianischen Mitkämpfer verheiratet waren.

Guevara: Ja, mit Julio Machín, er ist Journalist. Wir sind seit fünf Jahren geschieden, aber nach wie vor gut befreundet. Ich lebe heute allein und ungebunden.

ZM: War Ihr Vater für Ihre Geschwistcr ebenfalls ein Idol?

Guevara: Wir haben alle unseren Platz in der kubanischen Revolution. Zweifel gibt es für uns nicht. Meine jüngere Schwester Celia ist Tierärztin. Sie ist die einzige von uns, die nicht als Internationalistin ins Ausland ging, weil sich das mit ihrem Beruf nicht vereinbaren läßt. Camilo, mein älterer Bruder, war wie ich in Nicaragua im Einsatz, und Ernesto kämpfte als Soldat in Angola. Beide arbeiten heute als Juristen. Hildita, die Tochter von Ches erster Frau Hilda, ist vor zwei Jahren gestorben.

ZM: Seit Che Guevaras Skelett gefunden und nach Kuba gebracht wurde, wird er dort mehr denn je als Nationalheiliger gefeiert. Jetzt soll ihm in Santa Clara sogar ein Mausoleum gebaut werden, dort steht heute schon eine 23 Tonnen schwere Che-Statue. Ist das nicht ein bißchen viel der Heldenverehrung?

Guevara: Wir betreiben keinen billigen Heiligenkult. Die Kubaner haben viel Respekt vor den Idealen und dem Leben des Che. Wir ehren seinen Todestag und wollen seine Ideen wachhalten. Dazu gehören auch Poster und Transparente.

ZM: In Europa wird Che Guevara als Popstar verehrt. Eine britische Brauerei hat vor kurzem sogar "Che"-Bier auf den Markt gebracht - bis Ihr Land protestierte. Erschreckt Sie die Vermarktung von Ches Popularität?

Guevara: Das Problem ist, daß man Che in Europa nicht richtig kennt.

ZM: Hatte Ihr Vater, der Held und Popstar, überhaupt keinen Makel?

Guevara: Er hat uns Frauen zuwenig zugetraut, in diesem Punkt war er nicht modern genug. Er sagte, Frauen sollten zu Hause bleiben, wenn Männer zu schwierigen Einsätzen ziehen - wir seien körperlich zu schwach. Aber meine Mutter hat bewiesen, daß Frauen hart kämpfen können. Frauen verteidigen außer ihren Idealen auch ihren Mutterleib. Das verleiht ihnen Mut und Kraft.

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