alle weltLokale Kopie aus http://www.missio.at/aw/aw_19990102.shtml, alle welt, Jan./Feb. 1999

GERECHTIGKEIT MUSS SEIN

Interview mit Bischof Sixtus Parzinger, Chile, Araukanie

Pinochet, Priesterinnen, Mission: Ein Streifzug durch interessante Gebiete mit Sixtus Parzinger, 1931 in Tirol geboren, heute Bischof der Araukanie in Chile.

Herr Bischof, die Verhaftung Augusto Pinochets hat weltweit Aufsehen erregt. Begrüßen Sie seine Festnahme oder sehen Sie Londons Schritt eher kritisch? Geschieht hier Gerechtigkeit oder wird so nur weiterer Gewalt in Chile Vorschub geleistet?

Ich begrüße Pinochets Verhaftung nicht direkt, da sie etwas Unangenehmes an sich hat, aber ich halte sie für gerechtfertigt, da er sich doch verantworten muß für das, was er getan hat. Natürlich heizt so ein Schritt die Gewalt im Land wieder an; aber man muß sehen, es sind beide Seiten, die auf solch irrationale Weise antworten.

Offiziell spricht man von etwa 3.000 Opfern der Pinochet-Diktatur von 1973 bis 1990: Oppositionelle und Gewerkschafter, darunter auch ausländische Staatsbürger, wurden gefoltert, verschleppt, ermordet. Werden diese Fakten in Chile heute allgemein anerkannt?

Ja. Im allgemeinen werden die Fakten der Pinochet-Diktatur anerkannt - in der jetzigen Auseinandersetzung hat sie niemand geleugnet. Aber sie werden von der Rechten heruntergespielt und auch manchmal entschuldigt.

Wieviele Menschen in Chile verehren Pinochet heute noch als Helden?

Eine nicht kleine Gruppe der zwei Rechtsparteien hält sein Andenken hoch und fühlt sich durch seine Verhaftung in ihrem nationalen Ehrgefühl verletzt. Der linke Flügel hat die Verhaftung mit Genugtuung aufgenommen, da Pinochet nun vielleicht wenigstens im Ausland Rechenschaft ablegen muß, was im Inland nicht möglich war, da er sich zu gut abgesichert hatte als "Senator auf Lebenszeit".

Führende Politiker Chiles forderten in den letzten Wochen eine Freilassung Pinochets aus "humanitären Gründen": Er leide an Depressionen und Harnwegsinfektion, hieß es, er sei zuckerkrank und trage einen Herzschrittmacher; es sei deshalb "unmenschlich", ihn festzuhalten. Wie stehen Sie zu diesen Argumenten? Hat ein Mensch, der foltern und morden ließ, Anspruch auf eine Behandlung mit "Glacéhandschuhen"?

Das ist ein ganz heikler Punkt. Gerechtigkeit muß sein. Die Schuldigen sind zu verurteilen. Doch wird das in manchen Fällen gar nicht mehr möglich sein und außerdem fordert uns Christus auf, zu vergeben. Wenn wir dazu nicht fähig sind, wird es nie zur Aussöhnung kommen, und eine Versöhnung steht noch aus in Chile. Wir müssen auch Schritte tun auf die Person zu, die uns schwer verletzt hat. Das darf natürlich nicht als Amnestie mißverstanden werden.

Welche Rolle spielte die Kirche während der Diktatur, und welche heute? Welche Schritte setzt sie, um die gespaltene Nation zu versöhnen?

Die Kirche war in all den Jahren eine ganz bedeutende Institution, weil sie unabhängig ist. Sie konnte ihre kritische Stimme erheben und die Menschenrechte verteidigen. Vor allem war Raul Silva Henriquez, der die Hilfsstelle der Solidaridad gegründet und so vielen Verfolgten geholfen hat. Heute wie damals erhebt die Kirche ihre Stimme und ruft zur Versöhnung auf, dabei war das nicht immer leicht, denn die Kirche hat unter Pinochet selber Laien und Priester verloren, die ermordet wurden, und hat viele Schikanen hinnehmen müssen. Also, wir waren manchmal schon aufgebracht, wie die Leute eingeschüchtert wurden, sie durften sich nicht versammeln, also das war doch die Höhe! Einfache Leute, die nur zum Gottesdienst gehen wollten und zum Gebet. Natürlich gab es noch ärgere Dinge, aber die wußten wir damals nicht, daß Leute verhaftet wurden, und dann wurden sie einfach umgebracht. Das war gleich, nachdem Pinochet die Macht übernommen hatte.

Insgesamt glaube ich, ist es gerecht, wenn man sagt, die Kirche war Zuflucht für die Leute, die damals verfolgt wurden. Den Kardinal habe ich schon erwähnt, und auch die Pfarren waren Zufluchtsstätten, nur dort konnten sich die Leute versammeln, überall anders war das unmöglich. Manche haben an Pinochets Ära positiv erwähnt, daß damals wenigstens die Wirtschaft Chiles in Schwung gekommen wäre.

Ist es aber nicht so, daß die sozialen Unterschiede heute größer sind als je?

Ja, genau das ist der Fall.

Über 20 % der Bevölkerung leben in Armut. Stimmt diese Zahl?

Es könnten sogar mehr sein. Die Schere geht immer weiter auf. Ich sehe das bei den einfachen Arbeitern oder bei den Pensionisten, deren Löhne und Renten werden nicht so angehoben wie die Preise steigen; dafür steigen die Gewinne der Reichen. Die einen werden also immer ärmer und die anderen immer schneller reich. Es stimmt schon, Pinochet hat die Wirtschaft angekurbelt und die Weichen gestellt für diese Entwicklung, aber ich sehe immer deutlicher, daß dies alles auf dem Rücken der armen Leute geschehen ist.

Gehen wir nun weg vom aktuellen Konflikt. Wie sind Sie eigentlich von Tirol nach Chile gekommen?

Ich bin im Jahr ´31 in St. Johann in Tirol geboren worden. Allerdings ist meine Familie nach Bayern gezogen, als ich erst zarte drei Jahre alt war. Ich ging in Freilassing in die Volksschule und wollte eigentlich Schreiner werden, dann aber kam mir der Gedanke: Du kannst auch Priester werden. Das habe ich dem Pfarrer gesagt, und der schickte mich nach Dillingen zu den Kapuzinern, die haben dort ein Seminar für Spätberufene. 1960 wurde ich in Freising geweiht, gemeinsam mit meinem Bruder, der heute bei Freilassing Pfarrer ist. Meine Stationen als Priester: Passau, Altötting, Eichstätt, von dort bin ich 1965 nach Chile gekommen. Eine Zeitlang war ich Pfarrer einer großen Pfarre bei Temuco, 1978 wurde ich zum Bischof geweiht.

Sie sind Bischof einer besonderen Diözese, der Araukanie, Heimat der Mapuche-Indianer...

Die Diözese bzw. das Vikariat der Araukanie gibt es seit 1928, aber die Kapuziner sind schon seit 150 Jahren hier. Die Missionare haben die Indianer verteidigt, als diese 1883 "befriedet" wurden, also das Heer sie gezwungen hat, die Weißen ins Land zu lassen, worauf die Eroberer weite Teile dieses Landes den Indianern einfach wegnahmen. Die Kapuziner haben damals Schulen errichtet und Internate, weil sie glaubten, es würde den Indianern helfen, wenn sie irgendwie Anschluß fänden an diese neue Zivilisation, die da über sie hereinbrach. Denn sonst passiert es wie am Amazonas, daß sie einfach ausgerottet werden, wenn sie nicht mithalten können. Obwohl sie ihre Kultur bewahren müssen, und gerade bei den Mapuche scheint mir doch, daß sie diesen Spagat geschafft haben: daß sie sich eingegliedert haben - es gibt Ärzte, Priester, Schwestern, Ingenieure unter den Indianern, sie können also mithalten, aber sie haben ihr Land und bewahren ihre Sprache und somit ihre Kultur.

Zur Kultur der Mapuche gehört ja auch eine religiöse Tradition. Wie sieht diese aus und wie verträgt sie sich mit dem Christentum?

Ach, das funktioniert schon. Sie können durchaus gute Katholiken sein und doch mit ihrer eigenen Tradition nicht brechen und die auch weiterführen. Sie haben z. B. eigene Anrufungen, die nennt man Machitun, und eigene Priester, die Machis; sie haben eine spezielle Opferfeier, den Nguilatún, etwa einmal im Jahr, zum Beispiel, wenn sie Regen brauchen. Dabei sprechen sie Fürbitten in ihrer eigenen Sprache, in einer Form, die ganz anders ist als die unsere, aber in diesen Fürbitten sind auch Segenswünsche für den Papst und die Kirche enthalten, das haben sie eingegliedert, aber auf ihre Art. Wie wir, glauben sie auch an einen Schöpfergott, der uns liebt, für sie wie für uns ist Gott die Liebe.

Die Machis sind ja Frauen. Haben die etwa die gleiche Funktion wie Priester in der katholischen Kirche? Prallen da nicht zwei Sichtweisen des "Amtes" aufeinander?

Also, das geht schon. Im Alten Testament gab es ja auch Frauen, die etwas zu sagen hatten, Priesterinnen und Prophetinnen, wenn man das so nennen kann, Deborah zum Beispiel. Auch die Art der Berufung kennen wir aus der Bibel: Die künftigen Machis haben Träume, die sie als Erwählung deuten. Sie sagen, dieser Berufung müssen wir folgen, sonst können wir bestraft werden oder auch sterben. Ich würde aber die Machis nicht direkt mit den katholischen Priestern vergleichen, sie sind mehr auf Heilung spezialisiert, aber natürlich, auch Heilung ist Sache Gottes, und sie vermitteln die göttliche Heilkraft zu den Menschen.

Mittlerweile gibt es aber auch schon katholische Priester aus dem Volk der Mapuche. Wie beeinflussen die Traditionen der Mapuche Leben und Liturgie der katholischen Kirche?

In der Liturgie sind wir noch nicht besonders weit gekommen. Vor 60 Jahren wollte der erste Bischof hier in einem Nguillatún mit der Messe beginnen, aber es hat keinen rechten Anklang gefunden. Die Indianer sagen, das sind eben ganz verschiedene Dinge. Natürlich gibt es Übersetzungen von Teilen des Evangeliums und des Katechismus, aber nicht einmal die Indianer selbst sind sich einig über verschiedene Ausdrücke. Die an der Küste haben andere Wörter als die von der Kordillere, kein Wunder, daß dann die Sache nicht so richtig in Schwung kommt.

Eine abschließende Frage: Was bedeutet für Sie als Missionsbischof "Mission"?

Heute bedeutet Mission, daß wir die Leute begleiten, ein Herz für sie haben und darauf sehen, sie zu verstehen. Daß wir ihre Anliegen wahrnehmen und ihnen helfen, sich irgendwie heraus zu arbeiten auf eine bessere Zukunft zu. Und nach wie vor ist Mission Ausdruck der Gegenwart Christi. Wir sollen Christus gegenwärtig machen: indem wir diesen Leuten helfen und dabei Christus verkünden.

Interview: Karin Hintersteiner

aus: Jän./Feb. 1999

Gerechtigkeit muß sein.

Chile

Bischof Sixtus Parzinger


 

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