Aus: alle welt Jan./Feb. 1999, Seite 34

Bollwerk des Lebens

von Roland Schönbauer

PERU: Kopfprämie für jede Sterilisierte. Und Strafen für Frauen, die den Staat nicht an ihren Bauch lassen wollen. Die Armen brauchen heute in Peru Schutz für Leib und Leben. Bischöfe und Basisgemeinden, eine Schwester und Missio Austria springen ein, wo die Regierung versagt.

Alles beginnt an einem 16. Dezember mit einem "Gesundheitsfestival" im Mütterclub von Chan Chan in der Provinz Tocache. DasThema lautet "Sterilisation", Personal aus dem Spital der Stadt informiert die anwesenden Frauen. Und notiert ihre persönlichen Daten, darunter jene von Magna Morales Canduelas.

Drei Tage später stehen Leute vom Spital vor dem Haus der Frau. Als sie sich versteckt, dringen sie ein, mit Gewalt, "ohne um Erlaubnis zu fragen", wie die Menschenrechtsorganisation OPEDEH später in ihrem Bericht festhalten sollte.

Die Frau wird ins Krankenhaus verfrachtet und zu einer Operation gezwungen: Eileiter-Durchtrennung. Man vergißt, sie vorher zu untersuchen und erkennt so nicht, daß sie schwanger ist.

Magnas Ehemann, Holzfäller und während all der Zeit beruflich außer Haus, findet sie wimmernd auf der Küchenbank und bringt sie zurück ins Spital. "Die Sterilisationskampagne ist schon vorbei", werden die beiden dort abgewimmelt. Energisch protestierende Nachbarn erreichen nach Stunden eine Aufnahme. Drei Tage später ist Frau Morales tot, ihr ungeborenes Kind auch. Zurück bleiben fünf minderjährige Halbwaisen, das jüngste Kind gerade zwei Jahre alt.

Die Ärzte vollführen einen Eiertanz um die Todesursache. Anfangs heißt es: "Herz-Kreislauf-Stillstand", nach Medienberichten über den Tod dann plötzlich: "bakterielle Gehirnhautentzündung". Die Verantwortlichen bemühen sich nach Kräften, den Vorfall zu vertuschen, denn die Öffentlichkeit ist sensibilisiert: Frau Morales ist nicht das erste Opfer der peruanischen "Gesundheitspolitik". An die 110.000 Frauen sollen bis zum Vorjahr sterilisiert worden sein, mehr als ein Dutzend haben dabei den Tod gefunden.

"Wir haben Beweise, daß diese Methoden der Geburtenkontrolle oft durch Druck, Betrug oder das Angebot materieller Güter aufgezwungen werden", stellte vor kurzem auch die peruanische Bischofskonferenz fest; weiters beklagten die Hirten, daß die Operationen oft in gefährlichen hygienischen und überhaupt unwürdigen Bedingungen stattfinden." - in rasch aufgebauten Jahrmarkt-Zelten etwa. Diese Praxis, so die Bischöfe scharf, "verletzt das Recht auf Freiheit, Gesundheit und Leben".

Peru: Ein Staat scheitert nicht nur total mit seiner Gesundheitspolitik, er hintertreibt sie. Basisgemeinden springen in die Bresche, wo offizielle Stellen versagen. FEDEPROM heißt eine davon am Stadtrand des 8-Millionen-Molochs Lima. Das Zentrum dieser "Kirche von unten" liegt in einem Viertel, das vor 20 Jahren mit illegalen Hütten begonnen hat. Wer heute zuwandert, muß noch weiter oben im Steilhang sehen, wie er eine gerade Mauer aufstellt. Dazwischen staubige Straßen und giftige Dämpfe, Ausdünstungen von tonnenweise vergrabenem Müll.

FEDEPROM wird von Frauen getragen und verwaltet. Hayde Massoni, Mitstreiterin der ersten Stunde, kennt viele Fälle von unfreiwilliger Unfruchtbarkeit: "Sie sagen, sie machen die Nikolo-Untersuchung auf Gebärmutterkrebs, und danach bist du sterilisiert." Manche Frauen lassen sich wegen Unterleibsschmerzen untersuchen und gelangen erst dadurch zur Kenntnis, daß ihnen ungefragt eine früh-abtreibende Spirale eingepflanzt wurde.

Irgend etwas ist faul in den staatlichen "Gesundheitszentren". Gerade deshalb ist Gesundheit das zentrale Thema der Aktivitäten von FEDEPROM. Eine wichtige Frau in diesem Zusammenhang ist die "Missionarin vom Heiligen Herzen Jesu" María van der Linde: Im Auftrag der Bischofskonferenz begleitet sie die Basisgemeinde bei allen Aktivitäten in der Gesundheits-Pastoral. "Schwester María hat uns nicht nur viel über das Vorbeugen beigebracht, sie war auch eine große Hilfe beim Aufbau der Gemeinde", erzählt Frau Massoni. Unterstützt von Missio Austria werden von FEDEPROM Gesundheitshelfer ausgebildet - oft einfache Hausfrauen oder Bauern, die in Kursen das medizinische Einmaleins erlernen. Dann geben sie ihr Wissen an andere Freiwillige weiter. So entsteht ein Netz des Gesundheitsschutzes bis hinein in die abgelegensten Wellblech-Siedlungen. Basisgemeinde als Bollwerk des Lebens.

Jeder fünfte Peruaner leidet nach Angaben der Bischofskonferenz unter extremer Armut. 4,7 Mio. Menschen also haben zuwenig zu essen. Auch hier engagieren sich Schwester María und FEDEPROM. Ihre Kinderkrippe "Zum Jesuskind" bietet Spezial-Mahlzeiten für hungrige Kinder und Kochkurse für die Eltern.

Auch der versagende Staat ist in den Armenvierteln des Landes präsent. Allerdings nicht mit Armenküchen oder Kursen für Gesundheitshelfer, sondern mit bunten Wandmalereien, auf denen die Zwei-Kind-Familie propagiert wird. In den Bezirken der Reichen sucht man diese "Kunstwerke", mit denen die Armen geködert werden, vergeblich.

Die Regierung würde dies wohl ebenso als "Zufall" darstellen, wie sie auch Magna Morales' tödliche Operation als Übereifer einzelner Gesundheitsbeamter abtat. Allein: "alle welt" liegen interne Dokumente des Gesundheitsministeriums vor, die belegen, daß rücksichtslose Sterilisation offizielle Politik ist - oder zumindest war. Beamte in den "Gesundheitszentren" hatten wenigstens bis ins Jahr 1997 2 bis 3 "Sterilisationsobjekte" pro Monat zu rekrutieren. Widrigenfalls gäbe es Sanktionen fürs Gesundheitszentrum, und den Beamten wird gar mit Vertragsauflösung" gedroht.

Die letzten beißen wie immer die Hunde. Damit sind selbstverständlich nicht die Beamten gemeint - die sind die vorletzten. Die letzten sind die Frauen, die zwecks Erfüllung der Sterilisations-Quote auf Nachwuchs verzichten müssen. Wie sagte die Sozialarbeiterin eines öffentlichen Spitals in Lima zu einer Schwangeren mit Komplikationen, als diese einen Sozialrabatt erbat? "Wir haben Anweisung, keine Hilfe an Schwangere zu zahlen. Wenn Sie schwanger werden, müssen Sie schon absehen, welche Unannehmlichkeiten das bringen kann."

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