Aus: alle welt Mai/Juni 1998, Seite 34

SEGEN AUF ALLEN WEGEN

VON REINHARD HEISERER

Wo ein Wille, da ein Weg. Und wo kein Weg, da P. Robert Eckerstorfer. Für den Bolivien-Missionar aus Oberösterreich hat die Frohe Botschaft etwas mit Anpacken zu tun.

aw85-341.jpg (108106 Byte)Seine schwieligen Hände sprechen Bände: P. Robert Eckerstorfer ist einer, der zupackt. Dabei hätte der Franziskanermissionar aus Oberösterreich wahrlich genug damit zu tun, all das zu dirigieren, was er in den letzten Jahren so ins Leben gerufen hat: ein Wegbauprogramm, ein Erziehungsprogramm, ein Gesundheitsprogramm, ein agrarökologisches Programm. Kurz: 0.S.C.A.R.

aw85-347.jpg (12918 Byte)Fünf Buchstaben, die Hoffnung bringen

Die volle Bezeichnung dieses Projektes, "Obras Sociales de Caminos de Acceso Rural", hat nichts mit der goldenen Hollywood-Statue für besondere schauspielerische Leistungen, sondern etwas mit Straßenbau zu tun. Straßen sind nämlich in den Yungas, P. Roberts Einsatzgebiet im tropischen Tiefland Boliviens, Mangelware. Ein Umstand, der die Siedler aus den Anden, die auf der Suche nach Ackerland hierherzogen, von jeglicher Entwicklung abschneidet. Oder besser: abschnitt; denn schließlich hat 0.S.C.A.R. in den 30 Jahren seines Bestehens über 500 Kilometer befestigte Straßen gebaut. Und Furten durch Bäche. Sowie Hänge- und Betonbrücken über bislang unpassierbare Schluchten zwischen den Ausläufern der Anden.

aw85-343.jpg (47589 Byte)Improvisationskunst ist stets gefragt

So kam P. Robert zu seinen Schwielen. "Du mußt selbst mit im Dreck stehen", erläutert er seine Vorstellung von Führungsstil: Du bist nicht der Chef, sondern einer von ihnen. Und wenn man bis drei Uhr früh arbeiten muß, dann bist du genauso draußen wie sie."

Was das heißt, draußen sein wie sie, erlebe ich, als ich ihn zu einer seiner Baustellen begleite: eine Brücke über den Fluß Boopi. An einer Säule wird gerade gearbeitet. 13 Meter tief muß sie in das Flußbett getrieben werden, 30 Meter hoch muß sie werden, um die Brücke daran aufzuhängen. Die LKWs und Raupen, die P. Robert für 0.S.C.A.R. angekauft hat, stehen im Dauereinsatz. Das Mischen des Betons wird von schwitzenden Jugendlichen erledigt, welche trotz der anstrengenden Arbeit bei bester Stimmung sind.

aw85-342.jpg (18717 Byte)Zement fürs Fundament

Es sind Studenten, die hier für ein Jahr Lernen mit Arbeit und sozialem Engagement verbinden. Oscariño zu sein, also ein Jahr lang im Projekt 0.S.C.A.R. mitgearbeitet zu haben, gilt in Bolivien als ausgezeichnete Empfehlung und erleichtert später einmal die Jobsuche. Auch angehende Seminaristen nützen F. Roberts Einrichtung zum Sammeln pastoraler Erfahrungen. Halbtags haben sie Vorlesungen in einer der Baubaracken, die andere Hälfte des Tages setzen sie die Nächstenliebe in die Praxis um.

aw85-345.jpg (118372 Byte)Nicht nur Studenten, auch Siedler sind unter den Brückenbauern. Unter einem Blätterdach, das sie vor der sengenden Sonne schützt, bereiten sie die Baueisen vor, die für die Armierung des Pfeilers benötigt werden. Sie sind harte Arbeit gewohnt: viele von ihnen waren früher in den Zinnminen im Hochland beschäftigt. Der Zinnpreis verfiel, die Arbeiter standen vor dem Nichts. Viele suchten im Tiefland eine neue Existenz. Eine Umstellung, die für die Leute in etwa so groß ist, wie wenn sich ein Tiroler Bergbauer am Kongo niederlassen würde.

Um den Siedlern die Anpassung zu erleichtern, wurde 0.S.C.A.R. gegründet. Wege und Brücken zu bauen, war dabei nur der Anfang. Denn den Leuten mangelte es nicht nur an Möglichkeiten, die Produkte ihrer Felder auf die Märkte der nahegelegenen Städte zu bringen; an ein anderes Klima gewohnt, machten ihnen Tropenkrankheiten schwer zu schaffen.

aw85-344.jpg (18685 Byte) P. Robert mit Durchblick

Also begann P. Robert mit einem Team ein Gesundheits- und Impfprogramm. Die Leute mußten auch lernen, mit ihrem Boden schonend umzugehen, um so langfristig gute Erträge erzielen zu können. Also rief 0.S.C.A.R. ein agrarökologisches Programm ins Leben. Und die Kinder der Siedler brauchten Bildung; also unterstützte P. Robert, der übrigens ganz nebenbei eine Pfarre mit 180 Außenstationen und rund 12.000 Gläubigen betreut, auch noch den Bau von Schulen. Und so wurde aus kleinen Anfängen im Laufe der Zeit ein integrales Projekt, das so ziemlich alle Aspekte ländlicher Entwicklung in sich vereint.

aw85-346.jpg (35418 Byte)Zukunftszeichen: die Brücke über den Rio Boopi

Begreiflich, daß der Pater und 0.S.C.A.R. in den Yungas einen guten Ruf genießen. "Früher", erinnert sich ein Campesino aus Puerto Carmen in der Nähe des Rio Boopi, mußten wir Flüsse und Bäche überqueren, um unsere Produkte zum Markt zu bringen. Viele Kameraden starben, als ihre selbstgebastelten kleinen Boote kenterten. Nie wußten wir, ob wir überhaupt ankommen würden."

Ein 66jähriger ehemaliger Minenarbeiter sagt es so: "Jeden Morgen erwache ich und denke, der Weg, die Brücke - das war vielleicht alles nur ein Traum. Wenn ich aus dem Bett klettere, spitze ich meine Ohren, um vielleicht etwas Baulärm zu hören und bete zu Gott, daß sie noch da sind. Wenn ich mich dann der Baustelle nähere und die Raupen höre, wird mir bewußt, daß es kein Traum ist. Und dann danke ich Gott dafür, daß uns 0.S.C.A.R. hilft, diesen Weg zu bauen, der für uns so ein Segen ist."

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