Aus: Südwind Nr. 5, Mai 1999, Seite 6

Interview: Bischof Erwin Kräutler

Die Geißel des zweiten Jahrtausends

Das ungezügelte Profitdenken wirft seine Schatten auch in die entlegensten Dörfer Amazoniens, wo Bischof Erwin Kräutler seit Jahrzehnten um eine Verbesserung der Lebensbedingungen der Bevölkerung kämpft. SÜDWIND-Redakteur Werner Hörtner sprach mit ihm über das Leben der indianischen Völker in seiner Riesendiözese und über ihre neue Rolle als Subjekt der Geschichte.

sw95-6.jpg (24972 Byte)

Die Diözese Xingú im brasilianischen Amazonasgebiet, der Bischof Erwin Kräutler vorsteht, ist viermal so groß wie Österreich. Kräutlers Einsatz für die Rechte der indigenen Völker hat ihm Überfälle und einen Mordanschlag eingetragen, doch der aus Vorarlberg stammende Bischof kann sich kein anderes Leben vorstellen. Er weiß, daß die befreiende Dimension des Evangeliums ein "Dorn im Auge der Mächtigen" ist, und er fordert, daß Glaube und Leben eine Einheit bilden sollen. Bischof Kräutler lebt diese Einheit seit 33 Jahren vorbildhaft im amazonischen Regenwald.

Bis 1991 war Erwin Kräutler auch Präsident des Indianermissionsrates CIMI. Heute ist er für die missionarische Dimension in der Brasilianischen Bischofskonferenz zuständig. Als Verantwortlicher für internationale Solidarität ist Bischof Kräutler weiterhin im Indianermissionsrat tätig.

SÜDWIND: Sie leben seit mehr als drei Jahrzehnten in Amazonien. Wenn Sie nun die Situation der indigenen Völker der Region von damals und heute vergleichen: Geht es ihnen von den Lebensbedingungen und von den rechtlichen Bedingungen her heute besser?

KRÄUTLER: Was hat sich geändert? Ich denke an die ersten Jahre, die ich drüben war. Da gab's noch die alte Verfassung, da war der Indio den Kindern und Geisteskranken gleichgestellt. Er brauchte also einen Vormund, und der Staat hat die Vormundschaft übernommen. Die Indios wurden behandelt wie Kleinkinder, wie Geisteskranke.

Wir haben dann in den achtziger Jahren, speziell 1986 und 1987, die brasilienweite Kampagne "Bewußtseinsbildung" gemacht und der Bevölkerung nahegebracht, daß die Indianer keineswegs Kleinkinder sind. Sie sind erwachsene Menschen, haben ihre Intelligenz, haben ihren Willen, sind Leute wie wir alle, haben nur eine andere Kultur. Und wir wollen nicht einmal davon reden, daß das eine primitivere Kultur ist. Es ist eine andere Kultur. Man hat sie immer als Primitive, als Steinzeitmenschen abgetan. Wir müssen ganz bewußt heute den Indianer als einen anderen Menschen, in einem anderen Kulturraum aufgewachsen, mit anderen kulturellen Werten und Ausdrucksformen sehen. Und das haben wir dann im Jahre 1987 ganz besonders verteidigt. Ich war damals sogar im Kongreß in Brasilia. Und in der neuen Verfassung sind heute tatsächlich die Indianerrechte verankert. Es gibt einen Artikel, der den Indianern das Recht auf ihre Kultur, auf ihren Grund und Boden, auf ihre Naturreichtümer, auf ihre Sprache, ja selbst auf ihre religiösen Ausdrucksformen gibt. Daran kann nicht gerüttelt werden.

Doch die Realität ... ?

Natürlich: was in der Verfassung steht, ist nicht automatisch verbindlich für alle. Der Sprung vom Papier oder vom geschriebenen Wort zur Realität, der wurde leider noch nicht gemacht. Man hat beispielsweise in derselben Verfassung eine Fünfjahresfrist gesetzt, um alle indigenen Gebiete abzugrenzen, die Demarkierung durchzuführen. Das ist einfach wichtig, damit ihr Gebiet, ihr Lebensgebiet, ihr kulturelles Umfeld garantiert wird.

Was hat man gemacht? Einige wurden tatsächlich abgegrenzt. Doch die Militärs waren schon wieder dagegen, diese Gebiete, insbesondere in den Grenzregionen, zu demarkieren. Sehr viele Indianervölker leben in den Grenzgebieten zu Venezuela, Kolumbien, Peru, Surinam und Guyana, und da oben ist kaum etwas passiert. Das heißt, diese Gebiete sind heute noch offen für alle Eindringlinge. Und bei den Yanomami haben wir das ja erlebt, daß die Goldsucher heute noch Not und Tod säen, Krankheiten einschleppen und so fort. Also in der Verfassung hat sich die Situation verbessert, in der Realität ist sie gleichgeblieben oder zum Teil hat sie sich verschlechtert.

Der Indio ist also nur auf dem Papier erwachsen geworden?

Die Indios waren früher eher ungeschützt, Objekt unserer caritativen Tätigkeit. Das heißt, wir haben uns als Kirchen, als humanitäre Organisationen für die Indios eingesetzt. Der Indianer war Objekt unserer Unterstützung, unserer Hilfe. Da hat sich einiges geändert. Der Indio ist heute Subjekt seiner eigenen Geschichte, und wir wollen auf seiner Seite stehen.

Es geht nicht, daß wir uns vor ihn hinstellen und sagen: Wir tun das für dich, bleib schön ruhig, wir machen das schon. Nein, wir machen das mit ihm. Das heißt, wir helfen ihm, daß er versteht, wie die ganzen Dinge laufen in Brasilien. Daß er auch die gesetzlichen Vorschriften kennt, daß er weiß, daß es ein Indianerstatut gibt, und die Verfassung. Und daß er erfährt, daß die Regierung eine Fünfjahresfrist zur Demarkierung vorgesehen hat, die längst abgelaufen ist. 1988 wurde die neue Verfassung verabschiedet, 1993 wäre die Frist abgelaufen. Erst annähernd die Hälfte der ungefähr 500 Gebiete sind heute abgegrenzt.

Der Indianer nimmt heute das Heft der Geschichte selbst in die Hand. Da wollen wir nicht tatenlos zusehen, mit verschränkten Armen, sondern ihm dabei helfen, sozusagen lobbyistischen Beistand leisten, ihn infrastrukturmäßig unterstützen.

Hat sich im Selbstbewußtsein und in der Organisierungskraft der indianischen Bevölkerung Wesentliches geändert?

Ja, das muß auch noch dazu gesagt werden. Jeder Stamm, oder jedes Volk, war früher irgendwie allein. Wir haben ganz bewußt die Indianer darauf aufmerksam gemacht: Ihr seid ein minimaler Prozentsatz der heutigen brasilianischen Bevölkerung. Wenn ihr euch untereinander nicht zusammentut und Organisationen ins Leben ruft, die euer Anliegen, eure Interessen verteidigen, dann geht es dem Ende zu. Und heute gibt es sehr viele indigene Allianzen. Da haben wir mit der Infrastruktur sehr viel geholfen, daß wir verschiedene Völker zusammengebracht haben.

Der Ausdruck "Indio" galt in ganz Lateinamerika lange Zeit als Schimpfwort. Hat sich in der brasilianischen Öffentlichkeit am Bild von der indianischen Bevölkerung etwas geändert?

Man muß so sagen: Je weiter weg die Leute von einem Indianerdorf sind, um so idealer stellen sie sich die Situation vor. Da besteht ein bestimmter Romantizismus. Es ist viel einfacher, beispielsweise in São Paulo Propaganda zu machen oder die Anliegen der Indios in Amazonien zu vertreten als in einem Städtchen neben einem Indianerdorf. Weil dort sind auch die Großgrundbesitzer daheim, die ihre Augen auf Indianergebiet richten. Da sind auch die Goldsucher, die nicht verstehen, warum sie da nicht reinkönnen, da sind auch die Holzfäller, die das Holz rauben wollen. Und dort von den Rechten der Indianer zu sprechen, da kann man ein Risiko eingehen.

Das ist wohl ähnlich wie in Europa. Da denkt man: die armen Indios, aber die ganze Situation wird oft nicht verstanden. Je näher man ist, um so mehr spürt man auch den Widerstand, ich möchte nicht sagen, des Volkes, sondern dieser Unternehmer, ob die nun im Holzhandel tätig sind oder in der Bergwerksbranche oder Großgrundbesitzer und so weiter. Da beginnen dann die Schwierigkeiten.

Will die Kirche immer noch möglichst viele Heiden, wie man früher sagte, zum rechten Glauben bekehren? Was ist heute das Ziel ihrer Missionierungstätigkeit?

Wir wollen eine Kirche mit indigenem Antlitz, und wenn der Indio selber glaubt, in seinen religiösen Ausdrucksformen sich eingliedern zu lassen in diese Kirche, in die Gemeinschaft von Schwestern und Brüdern, die Kinder eines Vaters sind, wie Jesus das uns vermittelt hat, dann werden wir nie im Leben ihm das verweigern. Wir möchten in den indigenen Religionen fast so etwas wie ein Altes Testament sehen. Und jede Naturreligion ist offen für neue Impulse.

Sehen Sie einen Zusammenhang zwischen diesem Weltsystem, das heute allgemein als Globalisierung bezeichnet wird, und der Lage der indianischen Völker im amazonischen Regenwald?

Natürlich. Wir sind leider Gottes durch diese Globalisierung und durch das ganze neoliberale System gebrandmarkt. An der ersten Stelle stehen die Gesetze der freien Marktwirtschaft, dem ist alles und jedes unterzuordnen. Die Welt ist offenbar nur heil, wenn die freie Marktwirtschaft tatsächlich bis ins letzte Element, bis ins letzte kleine Dorf hinein existiert und Profit macht.

Das ist für mich ein Ausgangspunkt, den ich einfach nicht teilen kann, da komme ich nicht mit. Ich bin kein Wirtschaftsfachmann, ich bin kein Techniker, aber ich sehe das im einzelnen. Es geht nur um Profit, und da wissen wir ja aus Erfahrung, daß da keiner zurückkrebst, daß keiner aus ethischen Gründen auf Profit verzichtet. Das ist, glaube ich, die große Geißel des Endes des 20. Jahrhunderts oder des zweiten Jahrtausends. Die unumstößliche, die unanfechtbare Größe ist Profit. Rausschlagen, was rauszuschlagen ist, und dem ist alles unterzuordnen. Wiederum die Erde, die Mitwelt, auch die Menschen.

Wir danken für das Gespräch!

Erwin Kräutler weilte im vergangenen März in Österreich und nahm unter anderem an einem Seminar im Rahmen des "Osterfestivals'99" in Hall in Tirol teil.

Nach oben ] Ein Flecken Erde - Interview ] "Ohne uns gäbe es heute keine Indianer mehr" - Gespräch ] Interview am 21.5.2000 in Ö1 ] Österreich-Besuch im Mai 2000 ] [ Die Geißel des zweiten Jahrtausends. ] "Daß die Theologie der Befreiung tot sei, ist ein Unsinn" ] Globales Teilen ] Für Gerechtigkeit und Amazonien ] Erich Kräutlers Lebensbericht ]

horizontal rule

Seiten-Anfang | © chevara-stiftung and ejw | 31.07.2014