Aus: Kärntner Kirchenzeitung vom 8. März 1998

Bischof Erwin Kräutler steht an der Spitze der Diözese Xingu im brasilianischen Amazonien. Am 14. März ist er in der Klagenfurter Pfarre Annabichl zu Gast. Wir sprachen mit ihm während seines Aufenthaltes in Salzburg.

Für Gerechtigkeit und Amazonien

Mit Bischof Erwin Kräutler sprach Maja Schlatte.

Als diese Bauern ohne Land demonstrierten, stellte sich ihr Bischof, Dom Erwin Kräutler, auf ihre Seite und wurde - so wie sie - Opfer polizeilicher Gewalt.
Foto: KNA

 

 

Bei der panamerikanischen Synode in Rom sind Sie vehement gegen die weitere Ausbeutung des Regenwaldes eingetreten - und zeigten sich von den Ergebnissen der Synode besonders aus brasilianischer Sicht enttäuscht. Gab es eigentlich persönliche Reaktionen - etwa von Amtsbrüdern aus dem Norden?

Ich war als einziger Vertreter des brasilianischen Amazonien in Rom, und so lag es auf der Hand, daß ich die Gelegenheit zu nutzen hatte, um auf die skrupellose Ausbeutung des Regenwaldes hinzuweisen, und habe das auch getan. Die brasilianischen Medien haben tags darauf berichtet. Zur Synode muß ich aber noch sagen, daß diese Versammlung im Grunde noch nicht abgeschlossen ist. Das wird erst der Fall sein, wenn der Papst sein apostolisches Schreiben veröffentlicht, das unsere Anliegen berücksichtigen soll. Es wurden 76 Vorschläge für dieses Dokument eingebracht, und ein Vorschlag bezieht sich tatsächlich auf den Raubbau und die Ausbeutung in Amazonien. In diesen Vorschlag ist ein Teil des Textes meiner Intervention bei der Plenarsitzung vom 27. November 1997 eingeflossen.

Sie waren als Vertreter Österreichs auf ausdrücklichen Wunsch von Altkanzler Vranitzky beim Umweltgipfel in Rio. Welche Bilanz ergibt sich aus Ihrer Sicht - jetzt, auch nach Kyoto?

Ich habe bei der Synode wörtlich gesagt: "Trotz wiederholter offizieller Erklärungen zum Schutze Amazoniens und zur Förderung einer nachhaltigen Entwicklung erleben wir eine Realität, die meilenweit von den wohlklingenden Konventionen entfernt ist." Mit dieser Aussage bezog ich mich hauptsächlich auf den Umweltgipfel in Rio, an dem ich teilgenommen habe. In der Zeit von UNCED-92 habe ich es mehrmals als positiv bezeichnet, daß sich Vertreterinnen und Vertreter fast aller Regierungen dieser Planeten einmal an denselben Tisch setzen, um die Problematik unserer Mit-Welt zu diskutieren. Das genügt aber nicht. Es kam bis heute nicht zu konkreten Veränderungen in Amazonien. "Schreiten Verwüstung und Ausbeutung in diesem Ausmaß voran, wird in weniger als zwei Jahrzehnten der verhängnisvolle Tag anbrechen, an dem wir, zu spät mit Reue erfüllt, das Requiem für Amazonien anstimmen müssen." Genau das habe ich bei der Synode prophezeit.

Hat das Engagement europäischer Umweltschützer irgendeine Wirkung auf die Regierung und auf das Verhalten der Großgrundbesitzer in Brasilien gezeigt? Der Umweltminister Gustavo Krause scheint selbst einen Kampf gegen Windmühlen zu führen - und auch Cardoso hat die Hoffnungen in die Landreform nicht erfüllt?

Leider hat das Engagement vieler Umweltschützer, die sich in aller Welt auch in Brasilien - immer wieder zu Wort melden, noch nicht die erwartete Wirkung gezeigt. Neuerdings gibt es zwar wieder ein Gesetz, das Verantwortliche für Brandrodungen mit gesalzenen Geldbußen bestraft. Aber diese Form von Einschüchterung ist für uns keine Neuigkeit. Der Kleinbauer, der brandrodet, weil er keine andere Chance hat, das Land urbar zu machen, wird angezeigt und kann nicht bezahlen. Der Großgrundbesitzer bezahlt eventuell die Strafe, die ihm aufgedonnert wird, und verrechnet sie als eine Art Abgabe, die an die Regierung zu entrichten ist. jedenfalls brennt er weiterhin schonungslos den Wald ab und streicht im nachhinein die Gewinne aus der groß angelegten Viehzucht ein. Ein solches Gesetz wird nur dann die gewünschte Wirkung haben, wenn es in Amazonien genügend Waldaufseher gibt, die sich zudem nicht bestechen lassen. Danach sieht es bislang nicht aus. Wie kann ein einziger Waldaufseher, selbst wenn er guten Willens ist und keine Schmiergelder nimmt, Flächen in der Größenordnung Österreichs betreuen? Bezüglich der Landreform der jetzigen Regierung Fernando Henrique Cardoso mache ich mir keine Illusionen. Hier und dort werden zwar einige Familien angesiedelt, aber nur deshalb, um in die Welt hinausposaunen zu können, daß die Landreform im Gang sei. Im Grunde ist sie aber absolut keine Priorität des Präsidenten. Im neoliberalen Konzept der Regierung hat sie keinen Platz!

Jetzt gibt es eine Besetzung des Sitzes der staatlichen Indianerbehörde im Bundesstaat Alagoas - und andere sollen folgen - , weil bei der Demarkierung von 13.000 Hektar angestammtem Indianerland nichts weitergeht. CIMI, der katholische Indianermissionsrat, hat auch berichtet, daß in der Stadt Palmeira dos Indios die 1200 Angehörigen der indigenen Gemeinschaft immer wieder bedroht werden. Kann Europa da etwas tun?

Besetzungen wie diese sind beinahe schon an der Tagesordnung. Es vergeht wohl kaum ein Monat, ohne daß die Medien von solchen Initiativen der Indios berichten. Obwohl die Rechte der Indianer seit 1988 Teil der Brasilianischen Verfassung sind, haben politische Entscheidungen auf sich warten lassen. Wenn immer wieder der politische Wille fehlt, Verfassungsbestimmungen in die Tat umzusetzen, geht dem einen oder anderen Stamm hin und wieder die Geduld aus, und die Indios greifen zu drastischen Maßnahmen, um die Aufmerksamkeit der Medien auf sich zu lenken. Kann Europa etwas tun? Ich frage mich heute, wie würde das Schicksal der Ureinwohner Brasiliens aussehen, wenn nicht in aller Welt immer wieder Stimmen laut würden, die all das den Indios widerfahrene Unrecht beim Namen nennen und die Regierung auffordern, die Verfassungsbestimmungen endlich in eine indianerfreundliche Praxis umzusetzen. Es ist mit das Verdienst so vieler Menschen in Brasilien und im Ausland, die sich seit Jahren für die brasilianische Urbevölkerung einsetzen, daß die Indianer überhaupt noch existieren.

Armut in Südamerika und Armut in Österreich sind nicht dasselbe. Vergleichbar ist die immer weiter klaffende Schere zwischen Arm und Reich. Sie haben immer wieder betont, daß der reiche Norden dem Süden die Überlebenschance lassen muß. Wie sehen Sie die Chancen des Entschuldungsgedankens?

Wir sprechen heute in Brasilien nicht mehr generell von den "Armen", sondern von den "Ausgegrenzten", von den Menschen, die "an den Rand gedrückt" werden, und tun dies bewußt. Armut kann die Folge eines Schicksalsschlages, einer Naturkatastrophe, einer Krankheit sein. Aber es gibt eine Armut, die von Menschen "gemacht" wird, die von ungerechten Strukturen bewirkt wird. Es gibt in Brasilien den zynischen Ausdruck von der "massa sobrante", der "überflüssigen Masse". Das sind die Menschen, die vorsätzlich aus der Gesellschaft ausgegrenzt werden. Sie werden nicht mehr gebraucht und landen auf der Straße oder auf dem Müllhaufen wie Wegwerfprodukte. Das neoliberale Wirtschaftsmodell nimmt ihnen die Anstellung und somit den Lohn. Maschinen, Roboter und Computer bringen bessere Ergebnisse, verlangen keine sozialen Abgaben, werden nie schwanger oder krank und machen keinen Urlaub.

Diese Realität ist nun leider keine brasilianische Besonderheit, sondern ist weltweit vernetzt. In keinem menschlichen Bereich wird Ungerechtigkeit in solchem Ausmaß erfahren wie in der Weltwirtschaft. Es ist sarkastisch, angesichts von Millionen hungernder Kinder, Frauen und Männer von "Sachzwängen" zu sprechen, die nun einmal akzeptiert werden müssen, damit die Wirtschaft funktioniert.

Man jagt buchstäblich Menschen in den Tod, weil es schlicht darum geht, mit möglichst wenig Einsatz möglichst hohe Gewinne zu erzielen. Ist es gerecht, daß sich im Norden Fleisch- und Butterberge türmen, MiIchseen die Lagerhallen überschwemmen, mit Sojabohnen das Vieh gemästet wird, während auf der südlichen Halbkugel Leute von der Hand in den Mund leben müssen?

In diesem Zusammenhang ist auch die Entschuldung zu sehen. Bei der Synode für Amerika wurde diese Thema von vielen Bischöfen angeschnitten. Es geht zunächst nicht um einen Schuldenerlaß auf Anhieb, sondern um die Feststellung der tatsächlichen Schulden eines Landes bei internationalen Kreditgebern und dessen, was durch ungerechte Zinsgebarung der ursprünglichen finanziellen Verpflichtung hinzugefügt wurde. Die Rückzahlung der tatsächlichen Schuld soll dann durch die Verwendung der Finanzmittel im sozialen Bereich, in Erziehung und Gesundheitswesen möglich sein, unter Aufsicht eines internationalen Gremiums, damit die Gelder nicht wieder einmal in dunklen Kanälen verschwinden. Das wäre ein gesunder Vorschlag, und ich hab den Eindruck, daß diese Idee vom Papst im nachsynodalen Schreiben aufgegriffen wird.

Der Neokapitalismus zeigt überall ein unbarmherziges Antlitz, das höhnisch den Wert "Solidarität" als gestrig abtut. In gewisser Weise könnten wir in Europa - besonders die einfachen Menschen - nun von den Erfahrungen mit unbarmherziger Wirtschaft in der sogenannten Dritten Weit lernen. Gibt es hier Hoffnungsverheißendes?

Bei der Synode wurde dem heute so oft verwendeten Stichwort "Globalisierung" der Gedanke von einer "globalen Solidarität" gegenübergestellt. Es ist Auftrag der Kirche, noch mehr für eine weltumspannende Liebe zwischen Nationen und Völkern einzutreten und auch selbst konkrete Zeichen zu setzen. Es geht um die Gerechtigkeit, ohne die es nun einmal keinen dauerhaften Frieden geben wird.

"Globale Solidarität" kann nicht von oben diktiert werden, sondern muß an der Basis beginnen. Hier ist die kleine Frau und der kleine Mann genauso gefordert wie Frau und Herr Abgeordneter oder die Regierung, jede und jeder in seinem Umfeld. Vielleicht ist die Solidarität, wie sie in den kleinen Basisgemeinden Brasiliens gelebt wird, ein Beispiel, das weltweit nachgeahmt werden kann. Menschen rücken zusammen und suchen gemeinsame Wege, um Not und Elend zu lindem, und engagieren sich gegen die ihnen ungerechterweise aufgebürdete Armut.

"Glaube und Leben lassen sich nicht trennen - das ist die ganze Befreiungstheologie", haben Sie einmal gesagt. Wie sehen Sie den Umgang mit der Befreiungstheologie bei der panamerikaniscben Synode?

Der Begriff "Befreiungstheologie" kam bei der Synode für Amerika nicht vor. Das heißt jedoch nicht, daß das Anliegen dieser auf dem Boden Lateinamerikas gewachsenen theologischen Reflexion unter den Teppich gekehrt wurde. Im Gegenteil, sehr viele Bischöfe haben sich in den Plenarsitzungen zu Wort gemeldet und ganz im Sinne der Befreiungstheologie gesprochen.

Die "Option für die Armen", der Stellenwert der "kirchlichen Basisgemeinden", die "strukturellen Sünden" in Wirtschaft und Gesellschaft waren Themen verschiedenster Interventionen von Bischöfen des Nordens wie des Südens. Im Vorschlag Nr. 57 verpflichten sich die Bischöfe, die Armen als die bevorzugten Empfänger des Evangeliums zu sehen. Sie wollen dem Beispiel des Herrn folgen, der in seiner Heimat Nazareth sagte:. "Er hat mich gesandt, damit ich den Armen die gute Nachricht bringe." (Lk 4,18). Das ist Befreiungstheologie.

Wie hat die Mitbrüdergemeinschaft den Mord an Pater Hubert Mattle verkraftet? Sehen Sie sich selbst nach wie vor in Gefahr?

Der Tod unseres Mitbruders Hubert Mattle war für uns ein schwerer Schlag. Er war ein sehr lieber Mensch, der wohl nie in seinem Leben wissentlich jemandem etwas zuleide getan hat. Warum mußte er auf so grausame Weise gehen? Bis heute ist eine Schußöffnung in der Wand des Eingangsraumes im Patreshaus von Altamira. Darüber hängt das Foto von Hubert.

Wenn auch die Mörder vor einigen Monaten zu Höchststrafen verurteilt wurden - zwei von ihnen sind aus dem Gefängnis entkommen, einer ist inzwischen eines natürlichen Todes gestorben -, wissen wir bis heute nicht, welches das tatsächliche Mordmotiv gewesen ist. Wir alle gehen im Einsatz für das Evangelium, für Recht und Gerechtigkeit immer ein Risiko ein. Der liebe Gott aber wird uns die Kraft schenken, unseren Weg weiterzugehen.

Danke für das Gespräch.

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