Aus: Kirche Intern Nr. 4 vom April 1999, Seite 14

Bischof Kräutler:

"Daß die Theologie der Befreiung tot sei, ist ein Unsinn"

Kürzlich hielt sich zum Gedenkgottesdienst für Weihbischof Florian Kuntner und zwecks Teilnahme am Schweigemarsch der Menschenrechtsbewegung "Christian Solidarity International" der aus Vorarlberg stammende brasilianische Bischof Dom Erwin Kräutler in Wien auf. Mit ihm sprachen ISABELLA CAMPBELL-WESSIG, JAKOB MITTERHÖFER UND RUDOLF SCHERMANN

KI: Dom Erwin, Sie sind seit 19 Jahren Bischof von Altamira. Welche Tugenden, Eigenschaften sollte, Ihrer Meinung nach, ein Bischof heute haben?

KRÄUTLER: Ich kann nur wiederholen, was die Leute zu mir gesagt haben, als ich zum Bischof ernannt wurde. Ich habe eine Versammlung des Volkes Gottes dazu genützt, die Frauen und Männer zu fragen, was sie sich von einem Bischof erwarten. Und sie haben mir ein Konzept vorgelegt, dem ich heute noch versuche, nachzukommen.

KI: Das heißt, Sie haben das Volk gefragt: "Wie kann ich Euch dienen?".

KRÄUTLER: Ja, so war es. Das erste, was die Leute gesagt haben, war, ich soll mein Bischofsamt unter und mit dem Volk ausüben, sie wollten keinen Schreibtischbischof. Ich soll am eigenen Leib zu verspüren bekommen, was sie im Busch draußen und wo immer sie sind, erfahren und erleiden. Und ich habe das tatsächlich am eigenen Leib verspürt, als ich 1983 von der Militärpolizei getreten, zusammengeschlagen und festgenommen worden bin. Die Menschen haben damals laut geschrien: "Laßt ihn los, das ist unser Bischof!" Sie haben nicht gesagt, das ist ein Bischof, sondern, das ist unser Bischof. Das habe ich nie mehr vergessen. Für mich war das damals wie eine zweite Bischofsweihe.

Weiters haben sie sich von mir gewünscht, daß ich auch trotz der überwältigenden Arbeit, die auf mich zukommt, ein betender Hirte sein solle und ein hörender. Die Menschen wollen, daß ich ihnen zuhöre. Jedesmal, wenn ich in eine Gemeinde komme, erzählen mir die Leute erst einmal zwei, drei Stunden lang, wie es ihnen geht.

Und - ein großes Anliegen war schließlich auch, daß ich auch als Bischof nicht aufhöre, der Pater Erwin zu sein.

KI: Sie verzichten weitgehend auf Ihre bischöflichen Insignien. Worauf gründet sich Ihre Autorität?

KRÄUTLER: Die Leute haben mich immer akzeptiert, kein Mensch hat je daran gezweifelt, daß ich der Bischof bin. Ich habe zuvor schon 15 Jahre als Priester am Xingu gewirkt, ich bin für die Menschen einfach der Dom Erwin.

KI: Die Landeskirchen sind in zunehmendem Ausmaß mit ihren eigenen Problemen beschäftigt. Haben Sie das Gefühl, daß die Solidarität mit den Ländern der sogenannten Dritten Welt abnimmt?

KRÄUTLER: Wenn ich nach Österreich komme, habe ich nie dieses Gefühl gehabt. Ich muß den Menschen hier ein gutes Zeugnis ausstellen, daß ihr Interesse so groß ist, auch nach Informationen. Ich fühle mich heute noch als einer, der von der österreichischen Kirche als junger Priester nach Brasilien gesandt worden ist.

Der Missionsbegriff hat sich ja geändert, man sagt nicht, das ist eine Einbahnstraße, einer geht hinaus und bricht die Brücken ab. Wir haben auch die Aufgabe, unserer Kirche hier in der Heimat zu sagen, was getan wird.

KI: Sie leben seit 34 Jahren in Brasilien. Hat es in den vergangenen Jahren Veränderungen im kirchlichen Leben dieses Landes gegeben?

KRÄUTLER: Es sind schon viele Dinge aufgebrochen, zum Beispiel die Vollversammlung der lateinamerikanischen Bischöfe in Medellín im Jahr 1968. Medellín wollte das Zweite Vatikanum lateinamerikanisieren. Das ist meines Erachtens auch gut gelungen. Unzählige kleine Basisgemeinden sind an allen Ecken und Enden entstanden, und sie existieren bis heute noch. Nur ganz selten gab es Gemeinden, die ein wenig zu stark politisiert waren.

KI: Das heißt, es gab einen starken marxistischen Einfluß?

KRÄUTLER: Das würde ich gar nicht so sagen. Ich bin öfter nach Österreich gekommen und man hat mich gefragt, wie das denn ist mit der Bibel und dem Marxismus, aber ich habe diesen Einfluß bei uns nicht gespürt. Die Befreiungstheologie ist biblisch, in der Offenbarung grundgelegt und nicht in irgendwelchen gesellschaftspolitischen Erwägungen. Wir haben versucht, diesen Dreischritt - sehen, urteilen, handeln -, zu verwirklichen, und der kam ja nicht einmal aus Lateinamerika, sondern von dem Arbeiterapostel Cardijn. Gustavo Gutierrez - ich würde ihn fast zu Lebzeiten heiligsprechen - gab damals das Buch "Die Theologie der Befreiung" heraus, damit kam dann alles ins Rollen.

Natürlich hat unser Wirken mit dem Gebet begonnen, mit der Liturgie, aber dann kam es auch zur brisanten Frage, ob wir nicht neben dem Gebet auch noch etwas anderes tun müssen? Was verlangt Christus von uns heute im sozialen Kontext? Dann hat es geheißen, du, junge Frau, junger Mann, vertritt uns im Gemeinderat. Die wurden dann in den Gemeinderat gewählt. Natürlich war das eine neue Weise, Kirche zu sein. Ich möchte Kardinal Lorscheider zitieren, er hat damals gesagt, eine neue Weise Kirche zu sein verlangt auch vom Bischof eine neue Weise Bischof zu sein. Es ist tatsächlich eine ganz neue Weise des Zusammenseins, der zwischenmenschlichen Beziehungen gefordert.

KI: Der Anteil der Katholiken an der Bevölkerung in Brasilien nimmt immer mehr ab. Welche Gründe sehen Sie dafür?

KRÄUTLER: Das ist ein sehr großes Problem. Es gibt viele aggressive fundamentalistische Bewegungen, die starken Zulauf finden. Man muß das auch im gesellschaftlichen Kontext sehen. Die Leute bei uns haben einen sehr geringen Sprachschatz im Busch. Und dann kommt so ein sprachgewaltiger Prediger und macht ihnen buchstäblich die Hölle heiß. Sie leben ohnehin schon in der Hölle auf dieser Welt und dann verspricht man ihnen noch die Hölle in der kommenden Welt. Das ist wie eine Gehirnwäsche. Aber die Erfahrung, die ich gemacht habe, ist, wenn Basisgemeinden tatsächlich in allen fünf Dimensionen funktionieren, haben diese Prediger keine Chance.

KI: Was sind diese fünf Dimensionen?

KRÄUTLER: Da ist einmal die samaritanische und die prophetische - die kritisch hinterfragende - Dimension. Weiters soll die Gemeinschaft eine Familie sein, in der das Zusammenleben stimmt. Dann gibt es die zelebrative Dimension - die Leute wollen feiern, sie haben auch Zeit dazu - und die missionarische Dimension. Das heißt, daß man nicht nur eine Nabelschau betreibt, sondern über die Grenzen der kleinen Gemeinde hinweg wirkt.

KI: Bei uns in Europa, vor allem in konservativen Kreisen, wird immer wieder gesagt, der Marxismus ist tot, also ist die Befreiungstheologie auch tot. Wie sieht es Ihrer Meinung nach mit dieser Theologie heute aus, die in die Konferenzen von Medellín und Puebla eingeflossen ist?

KRÄUTLER: Daß die Befreiungstheologie tot sei, ist ein kompletter Unsinn. Unter Befreiungstheologie verstehe ich jene Theologie, die aus einem Gottesverständnis geboren worden ist. Es geht um jenen Gott, der gesagt hat, ich habe den Schrei meines Volkes gehört. Er sagt es zweimal.

Damit identifizieren sich die Leute heute noch - Gott hört unseren Schrei. Der Name Jesus sagt, Gott befreit, rettet. Im Matthäus-Evangelium hat aber Jesus zwei Namen, Jesus und Immanuel - Gott mit uns. Wenn er ein Gott mit uns ist, ist er bei uns, mit uns, geht mit uns, er ist unter uns, leidet mit uns, hat ein offenes Herz für uns. Das ist Befreiungstheologie. Der Schritt, den die Befreiungstheologie geht, ist, daß die Not des Volkes gesehen wird, wie Gott sie gesehen hat, daß sich die Kirche mit dieser Not identifiziert. Dann stellt sich die Frage: Was können wir tun, welche Antwort geben wir als Kirche?

Kirche ist nicht nur der Bischof, das ist das Volk Gottes. Solange es Arme auf dieser Welt gibt, hat die Kirche heute noch die Aufgabe, Antwort zu geben.

KI: Dom Erwin, wir danken herzlich für dieses Gespräch.
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