Lokale Kopie aus http://www.missio.at/extra/kraeutler/

Österreich-Besuch von Bischof Kräutler im Mai 2000

Einleitung | 500 Jahre Brasilien | Kurzbiographie | Botschaften | Rückblick | Medien

Bischof Erwin Kräutler

Vom 15. - 21. Mai 2000 besuchte der austro-brasilianische Missionsbischof Erwin Kräutler anläßlich 500 Jahre Brasilien der Einladung von missio Austria und Dreikönigsaktion folgend Österreich.

Bischof Erwin Kräutler ist seit über 30 Jahren in Brasilien Missionar und seit 1981 Bischof der Diözese "Xingu". Große Bekanntheit und Beliebtheit erlangte Bischof Kräutler durch seinen unermüdlichen Einsatz für die Armen und ihre Menschenrechte, welcher bis zum Einsatz seines Lebens ging.

500 JAHRE BRASILIEN

500 anos de resisténcia Auf der Suche
nach alten Rechnungen
und neuer Nachbarschaft
mit Bischof Erwin Kräutler

Von "Entdeckung" spricht das offizielle Brasilien. "Invasion" nennen es die Indios. Im Jahr 1500 sind die Portugiesen bei Porto Seguro an der brasilianischen Küste gelandet. Im Jahr 2000 werden dort von der Regierung pompöse "500 Jahre Brasilien"-Feierlichkeiten abgehalten.

Viele BrasilianerInnen - Indios, Landlose, Schwarze, SlumbewohnerInnen - haben nichts zu feiern. Sie beklagen eine Gesellschaftsordnung, in der ihr Überleben nur wenig zählt. Die letzten 500 Jahre waren z.B. für die Indios eine bis heute andauernde Leidensgeschichte:

Seit Beginn der Kolonisation wurden 700 Völker vernichtet und der Lebensraum weitgehend zerstört. Auch wenn die Rechte der Indigenas mittlerweile in der brasilianischen Verfassung festgeschrieben sind, werden sie in der Praxis missachtet. In der neoliberalen Wirtschaftspolitik zählen die Interessen der Konzerne mehr als die Rechte der Indios.

Was hat dieses "Jubiläum" mit uns zu tun. Welche Rechnungen sind in all den Jahrhunderten offengeblieben, welche Chance gibt es im "globalen Dorf" beziehungsmäßig einen Neuanfang zu wagen?

Um sich gemeinsam mit uns und anderen profunden Brasilienfachleuten auf die Suche nach Antworten zu machen, ist Bischof Kräutler im Mai 2000 in Österreich zu Besuch!

KURZBIOGRAPHIE

1939   Geburt in Koblach (Vorarlberg).
1958 Eintritt in die Kongregation vom Kostbaren Blut.
- Studium der Theologie und Philosophie in Salzburg.
1965 Priesterweihe
danach "Wandermissionar" in Brasilien.
1981 Ernennung von Papst Johannes Paul II zum Bischof der flächenmäßig größten brasilianischen Diözese "Xingu".
1983 Präsident des Indianer-Missionsrates der Brasilianischen Bischofskonferenz "CIMI".
1983 Festnahme und Verprügelung durch die Militärpolizei.
1987 Am 16. Oktober Attentat und schwere Verletzung: Ein Kleinlastwagen fährt frontal in den PKW von Bischof Kräutler.

Bischof Erich Kräutler (1906 - 1985) ist der verstorbene Onkel und Vorgänger von Bischof Erwin Kräutler.

BOTSCHAFTEN

Wenn es um Menschenrechte oder das Leben seines "Volkes Gottes am Xingu" geht, nimmt sich Bischof Kräutler kein Blatt vor dem Mund...

Kirche muss dort sein, wo Not ist. Beten und Arbeiten, Soziales und Kontemplatives, das gehört untrennbar zusammen.

"Titanic", das 1912 auf seiner Jungfernfahrt gesunkene Luxusschiff, ist ein Abbild unserer zerrissenen Welt, die mehr denn je in Oberdeck und Unterdeck geteilt ist.

Am Oberdeck amüsieren sich die Reichen und Wohlhabenden, auf dem Unterdeck sind die weniger Bemittelten. Die ungerecht geteilte Welt ist wohl die Tragödie unserer Tage.

Hirte sein heißt für mich, das Leben mit den Menschen zu teilen, gemeinsam im Glauben zu wachsen und solidarisch mit den Armen für mehr Gerechtigkeit einzutreten.

Es gibt keinen gerechten Krieg. Alle Waffen sind satanisch, selbst die Spielzeugwaffen in den Händen der Kinder. Waffen werden nur für einen einzigen Zweck verwendet. Waffen gefährden Leben, verwunden, verletzen, töten.

Jesus liebte die Armen. Sie sind es, die Jesus in den Mittelpunkt stellt und denen er, wie den Kindern und Frauen, seine besondere Aufmerksamkeit schenkt.

Wir wollen ein Christentum und eine Kirche, die auch indigene Züge tragen. Nicht mehr der möglichst rasche formale Übertritt zum Christentum durch die Taufe steht im Mittelpunkt der kirchlichen Bemühungen um die Indios, sondern eine Inkulturation, die danach fragt, welche Spuren Gott auch in den Naturreligionen hinterlassen hat.

Mission im traditionellen Sinn, wo wir als "Kulturträger" von oben herab in die Dörfer der Indios kommen, ist unbedingt zu vermeiden. Es geht vielmehr darum, sich der fremden Kultur mit Lernbereitschaft und Sensibilität zu nähern, in erster Linie Liebe und Lebensfreude zu vermitteln.

Wir können viel von den Indios lernen.

Durch das Weltwirtschaftssystem haben sich Strukturen entwickelt, die mittelfristig für ein ganzes Land zum Unheil werden.

In Brasilien zeigen sich die Auswüchse des teuflischen Systems. Gerade die Armen müssen für die Inflation die zeche zahlen und den Bauchgurt um ihren ohnehin schon mageren, hageren Körper noch einmal enger schließen.

Die freie Marktwirtschaft hat dazu geführt, dass der Kuchen so ungerecht verteilt wird.

Kritik zu den 500-Jahr-Feiern:

• Die Europäer sind nach Brasilien gekommen, um es auszubeuten. Angesichts des Abtransportes an Edelhölzern, Edelmetallen und anderen Rohstoffen gibt es aus meiner Sicht nicht zu feiern.

• Auch die Kirche muss Fehler eingestehen und aufarbeiten, dass den Indios das Christentum aufgezwungen worden ist. Es ist aber kompletter Unsinn, das Christentum zu verdammen. Die Kirche ist nicht in ausreichender Weise auf die Menschen eingegangen. Deshalb muss sie heute ganz bewusst sagen: Wir stehen an eurer Seite! Die größte Sünde war es, dass die abendländische Kultur als Non-plus-ultra angesehen worden ist, während die kulturellen Ausdruckformen der Ureinwohner als Aberglaube abgetan worden sind.

• Das neue Pfingsten für Lateinamerika war die Zweite Generalversammlung der Lateinamerikanischen Bischöfe in Medellin 1968 und die nachfolgende Entstehung von Basisgemeinden auf dem ganzen Subkontinent. Bischöfe, Ordensgemeinschaften und Priester haben die alte und unheilige Allianz mit den wirtschaftlichen und politischen Mächtigen gebrochen und die vorrangige Option für die Armen zum Tragen gebracht.

Liebe, was heißt das heute für mich? - Das heißt Einsatz, totaler Einsatz, Einsatz des ganzen Lebens für meine Aufgabe, für Gott, für Christus, der sich mit den Armen identifiziert, also auch Einsatz für die Menschen - in Liebe.

Da ist das Gebet, die Meditation der Heiligen Schrift, die ganze kontemplative Dimension, geboren aus jener mythischen Tiefe, die jeder Mensch haben muss, wenn er nicht leer bleiben will. Dass alles ist Liebe.

Aber die Dimension der zwischenmenschlichen Liebe, die Wärme der Hingabe an einen geliebten Menschen, diese Dimension bleibt leer, die Sehnsucht nach Familie, nach eigenen Kindern, bleibt offen.

Wenn mir einer sagt, dass er diese Sehnsucht nicht spürt, dass er "damit fertiggeworden ist", dann lügt er oder er verdrängt es. Wie sich das auswirkt, sehen wir ja oft genug.

RÜCKBLICK

Vor 500 Jahren "entdeckten" die Portugiesen Brasilien - für die indigenen Völker, die Schwarzen, Landlosen und SlumbewohnerInnen dennoch kein Grund zu feiern. In der neoliberalen Wirtschaftspolitik zählen die Interessen der Konzerne mehr als ihre Rechte.

Grund genug für missio und die Dreikönigsaktion, Bischof Erwin Kräutler von 15. bis 21. Mai 2000 nach Österreich einzuladen. Die Sprache des Herzens wird überall verstanden, besonders auch von den indigenen Völkern am Amazonas, die in dem wohl berühmtesten Auslandsösterreicher - Bischof Erwin Kräutler - einen unermüdlichen Mitstreiter um ihre angestammten Rechte gefunden haben.

"Es war einer der bewegendsten Momente in meinem Leben", erzählte Dom Erwin in Graz bei einem Zwiegespräch mit ORF-Moderator Dr. Peter Pawlowsky, "als ein hoher Vertreter der Ureinwohner Amazoniens sagte: Der große Medizinmann der Weißen (Bezeichnung für Bischof) ist unser Verwandter." Der Verwandte ist in der Muttersprache der Indios gleichzusetzen mit "Bruder", erklärte Bischof Erwin Kräutler.

Über 500 begeisterte ZuhörerInnen aus allen Altersgruppen lauschten den sehr klaren Standpunkten und den oft humorvollen Bemerkungen des Bischofs. Weitere Höhepunkte des Besuchs von Dom Erwin in Graz waren der Eintrag ins Goldene Buch der Stadt bei Bürgermeister Alfred Stingl sowie der Einkehrtag bei den Barmherzigen Schwestern.

Beeindruckend in Wien war - neben der Podiumsdiskussion im Albert Schweitzer-Haus, dem "alle welt"-Fest in der Votivkirche, dem Brasilien-Fest im Alten AKH und dem stimmungsvollen Gottesdienst in der Pfarre Lainz-Speising - vor allen Dingen eine Aktivität:

210 Jugendliche aus den unterschiedlichsten Schulen aus Wien, Baden und St. Pölten versammelten sich einen halben Tag lang, um sich gemeinsam mit Bischof Kräutler mit Brasilien auseinanderzusetzen. Mit Feuereifer wurde etwa über den unfairen Handel am Beispiel der Produktion von Orangensaft oder über die Befreiungstheologie diskutiert sowie brasilianisch gekocht. Mit wenigen Worten konnte Dom Erwin die Mädchen und Buben faszinieren und ihnen einen wohl bleibenden Eindruck von der Kraft einer von der Basis aus wirkenden christlichen Kirche vermitteln.

Danke Dom Erwin - die Begegnungen mit Dir bleiben für uns Inspiration und Erneuerung im Engagement im Sinne einer gleichberechtigten Weltkirche für das Leben in Fülle für alle!

DER BESUCH IN DEN MEDIEN

Der Standard, 25. Februar 2000
500. Jahrestag der "Invasion"
Brasiliens Regierung bereitet Jubiläumsfeiern zur Entdeckung des Landes vor einem halben Jahrtausend vor. Genozidgeschädigte Indigene und Schwarze sehen keinen Grund zum Feiern, berichtet Brigitte Voykowitsch.

Kleine Zeitung, 17. Mai 2000
Globale Solidarität
Bischof Kräutler im Goldenen Buch von Graz.

Der Standard, 18. Mai 2000
Bischof Kräutler ist bestürzt über Österreichs Image
Die Situation für Auslandsösterreicher sei "sehr schwierig".

Der Standard, 19. Mai 2000
Brasilien: Bischof Kräutler verlangt Respektierung des Indianerlandes


ORF ON Vorarlberg, 19. Mai 2000
Bischof Kräutler über aktuelles Österreich-Image bestürzt

Kleine Zeitung, 21. Mai 2000
Zum Sonntag: Befreiende Worte

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18. Mai 2000, Der Standard

Bischof Kräutler ist bestürzt
über Österreichs Image

Die Situation für Auslandsösterreicher sei "sehr schwierig".

Wien - Für Auslandsösterreicher sei das derzeitige internationale Bild Österreichs "sehr schwierig", denn im Ausland spüre man den Imageeinbruch viel intensiver, sagte der austro-brasilianische Bischof Erwin Kräutler laut Kathpress am Donnerstag in Wien. Früher habe man bei Treffen und Veranstaltungen mit Österreich vor allem Hochkultur und Naturschönheiten assoziiert, heute falle "immer wieder nur ein Name". Das tue ihm "weh", bemerkte der seit den sechziger Jahren in Brasilien lebende Bischof von Xingu in Amazonien bei einer Pressekonferenz.

Kräutler berichtete, dass das brasilianische Fernsehen und Zeitungen in Amazonien ausgiebig über die politische Situation in Österreich berichtet haben, die gesammelten Aussprüche Jörg Haiders seien breit kolportiert worden. Der Bischof hält sich anlässlich der von "Dreikönigsaktion" und "Missio"-Austria getragenen Aktionswoche "500 Jahre Brasilien" in Österreich auf. Er halte "nichts" von den gegen Österreich verhängten Sanktionen der 14 EU-Ländern. "Ist in den anderen Staaten alles heil?", fragte er und verwies auf die Behandlung von Brasilianern in Portugal und auf Ausländerfeindlichkeit in Frankreich. "Rechtsextreme Typen" gebe es "nicht nur im kleinen Österreich".

Besorgt äußerte sich Kräutler über die zunehmende Verschärfung in der Frage der lange versprochenen und noch immer ausstehenden Agrarreform in dem südamerikanischen Land. Die Landlosen, deren Interessen die Kirche seit langem wahrnehme, schlössen sich zu immer gewaltbereiteren Organisationen zusammen. Kräutler selbst wie auch die anderen Bischöfe seien aber gegen jede Form der Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Recht. Zuletzt habe es mehrfach Besetzungen, Zerstörungen und Gewaltakte gegeben - "da wird's kritisch". Zur Bedeutung von Johannes Paul II. für Brasilien würdigte Kräutler dessen positiven Einfluss in der Indianerfrage und den Einsatz des Papstes für die Agrarreform. (APA)

17. Mai 2000, Kleine Zeitung

Globale Solidarität

Bischof Kräutler im Goldenen Buch von Graz.

Vor 500 Jahren sind die Portugiesen an der Küste Brasiliens gelandet. "Was den einen als ,Entdeckung’ gilt, empfinden die anderen bis heute als brutale Landnahme", sagte der in Brasilien wirkende "Indio-Bischof" Erwin Kräutler gestern anlässlich eines Graz-Besuches. Nach wie vor würden in Brasilien die Menschenrechte der indianischen Urbevölkerung mit den Füßen getreten, es regierten einzig und allein die Gesetze der freien Markwirtschaft. "Ganze Völker sind unter die Räuber gefallen", fordert Kräutler angesichts der Globalisierung auch "globale Solidarität". Am Montag trug sich der Bischof ins Goldene Buch der Stadt Graz ein.

21. Mai 2000, Kleine Zeitung

Zum Sonntag: Befreiende Worte

Der Saal des Kulturzentrums bei den Minoriten in Graz war vorigen Montag bis auf den letzten Platz gefüllt: Erwin Kräutler, Bischof von Xingu im Amazonasgebiet Brasiliens, erzählte von seinen Indios und Landlosen. Von ihrem Leben und Glauben, von 500 Jahren Unterdrückung...

Am 22. April 1500 landeten die Europäer in Brasilien. Anlass zu Jubiläumsfeiern? "Für die Indios gibt es dafür überhaupt nichts zu feiern", so Bischof Kräutler. Gerade die Berichte der gegenwärtigen Unterdrückung der Indios durch landgierige Machthaber löste große Betroffenheit aus ... Schuld liegt in der Luft!

Und dennoch strahlte der Bischof so viel Hoffnung aus! Eines seiner Geheimnisse: "Wenn ich zu Unrecht schweige, dann verrate ich auch das Evangelium." Er schweigt nicht. Morddrohungen, Verhaftungen und ein Attentat hat er schon hinter sich. Unerschütterlich geht er mit den Seinen neue Wege des Glaubens: Das Unrecht an seinem Volk aufdecken; für Gerechtigkeit ohne jede Gewaltanwendung kämpfen; Solidarität gerade mit den Schwachen der Gesellschaft leben; die Indios als Subjekt ihrer eigenen Geschichte achten...

Des Bischofs Wort war so befreiend. Danke!

PS: Bischof Kräutler wörtlich: "In einer Predigt rief ich den Jugendlichen zu: Ihr seid die Zukunft der Kirche! Antwort eines Jugendlichen: Bischof, hör auf mit der Zukunft, wir sind die Gegenwart!"

Von Alfred Wallner

19. Mai 2000, Der Standard

Brasilien: Bischof Kräutler verlangt Respektierung des Indianerlandes

Wien/Brasilia - Kritik an der brasilianischen Regierung wegen der "triumphalistischen" 500-Jahr-Feier übt der in Vorarlberg geborene Bischof Erwin Kräutler. Während sich der brasilianische Präsident Fernando Cardoso mit dem portugiesischen Amtskollegen Jorge Sempaio in Porto Seguro, wo die Portugiesen vor 500 Jahren gelandet waren, zu einer "elitären Feier" zurückgezogen habe, habe eine 230-köpfige Sondereinheit der Polizei eine friedliche Kundgebung mit 4000 Indianern mit Tränengas und Gummigeschoßen gewaltsam aufgelöst. Kräutler: "Das ist ein symbolträchtiges Bild für die Situation in Brasilien." Unter den Teilnehmern waren auch vier Bischöfe. Kräutler, Bischof der Diözese Xingu, war von 1983 bis 1991 Präsident des Indianermissionsrates CIMI. Er verlangt von der Regierung die Grenzziehung für alle Indianergebiete in Brasilien, um diesen das Überleben zu ermöglichen. Bis 1993 sollten alle Gebiete abgegrenzt sein, so das Versprechen der Regierung, tatsächlich sei es aber erst bei der Hälfte erfolgt. "Für die Indianer ist das Land wie eine Mutter und nicht etwas, was man kauft oder verkauft. Es ist Gemeinschaftsland." Kräutler sieht als Ursache für die Verzögerung den Naturreichtum und die Bodenschätze, an deren Ausbeutung viele ein Interesse hätten. Diese Kräfte intervenierten bei der Regierung. Insgesamt gibt es in Brasilien noch 180 verschiedene Indianervölker mit insgesamt 333.000 Menschen, die 169 verschiedene Sprachen sprechen. Sie beanspruchen rund elf Prozent des Staatsgebietes.

Das Um und Auf in Brasilien sei die Agrarreform, um den Zuzug in die Städte zu stoppen. Die Landlosen schlössen sich zu immer gewaltbereiteren Organisationen zusammen. Gewalt lehne er, Kräutler, aber ab.

Bestürzt ist Kräutler über das aktuelle Image Österreichs im Ausland. "Ich habe sehr gelitten darunter. Wenn man früher gesagt hat, man kommt aus Österreich, dann haben die Leute den Donauwalzer und Mozart damit verbunden. Jetzt fällt nur mehr ein Name." Die brasilianischen Medien hätten des Langen und Breiten über die politische Lage in Österreich berichtet, die gesammelten Sprüche Haiders seien ausführlich zitiert worden. Von den Sanktionen der EU-14 hält er nichts.

Von Josef Ertl

19. Mai 2000, ORF ON Vorarlberg

Bischof Kräutler bestürzt über aktuelles Österreich-Image

Der aus Koblach stammende Missionsbischof Erwin Kräutler ist bestürzt über das aktuelle Österreich-Image im Ausland. Man spüre den Image-Einbruch im Ausland viel intensiver. Früher habe man bei Treffen und Veranstaltungen mit Österreich vor allem Hochkultur und Naturschönheiten assoziiert, heute falle "immer wieder nur ein Name". Das tue ihm "weh", meinte der in Brasilien lebende Bischof.

Ein Thema in brasilianischen Medien

Kräutler berichtete, dass das brasilianische Fernsehen und Zeitungen in Amazonien ausgiebig über die politische Situation in Österreich berichtet haben, die gesammelten Aussprüche Jörg Haiders seien breit kolportiert worden. Der Bischof hält sich anlässlich der von "Dreikönigsaktion" und "Missio"-Austria getragenen Aktionswoche "500 Jahre Brasilien" in Österreich auf. Situation für Auslands-österreicher "sehr schwierig. Über Haiders Aussprüche ist in Brasilien breit berichtet worden."

"Halte nichts von Sanktionen gegen Österreich"

Er halte "nichts" von den gegen Österreich verhängten Sanktionen der 14 EU-Länder. "Ist in den anderen Staaten alles heil?", fragte er und verwies auf die Behandlung von Brasilianern in Portugal und auf Ausländerfeindlichkeit in Frankreich. "Rechtsextreme Typen" gebe es "nicht nur im kleinen Österreich".

Landlose gründen gewaltbereite Organisationen

Besorgt äußerte sich Kräutler über die zunehmende Verschärfung in der Frage der lange versprochenen und noch immer ausstehenden Agrarreform in dem südamerikanischen Land. Die Landlosen, deren Interessen die Kirche seit langem wahrnehme, schlössen sich zu immer gewaltbereiteren Organisationen zusammen. Kräutler selbst wie auch die anderen Bischöfe seien aber gegen jede Form der Gewalt als Mittel zur Durchsetzung von Recht. Zuletzt habe es mehrfach Besetzungen, Zerstörungen und Gewaltakte gegeben - "da wird's kritisch". Zur Bedeutung von Johannes Paul II. für Brasilien würdigte Kräutler dessen positiven Einfluss in der Indianerfrage und den Einsatz des Papstes für die Agrarreform.

25. Februar 2000, Der Standard

500. Jahrestag der "Invasion"

Brasiliens Regierung bereitet Jubiläumsfeiern zur Entdeckung des Landes vor einem halben Jahrtausend vor. Genozidgeschädigte Indigene und Schwarze sehen keinen Grund zum Feiern.

Von einem "Zusammentreffen dreier Völker" ist in der offiziellen brasilianischen Diktion die Rede.

Die Indios stellen dem das Beiwort "gewaltsam" voran. Von "Entdeckung" spricht das offizielle Brasilien. "Invasion" nennen es die Indios. Wenn die Regierung Brasiliens am 22. April mit allem Pomp die Feierlichkeiten zum 500. Jahrestag der Landung der ersten Europäer (Portugiesen) an der Küste des südamerikanischen Landes begeht, dann werden die zwei anderen "Völker" - die Indigenen und die vorwiegend als Sklaven aus Afrika geholten Schwarzen - ihre eigenen Veranstaltungen abhalten. Denn mitzufeiern haben sie nichts, wie Paulo Maldos von CIMI, dem für die Indios zuständigen Rat der Katholischen Kirche Brasiliens, dem STANDARD in Wien sagt, wo er sich derzeit auf Einladung der Dreikönigsaktion aufhält.

Entschuldigung

Nicht nur die Indigenen nehmen Anstoß daran, wie die brasilianische Regierung die Ankunft der Europäer glorifiziert. Auch die Bischofskonferenz des Landes fordert eine Entschuldigung für die an den Indigenen und Schwarzen begangenen Verbrechen, sagt Maldos. Die Bischofskonferenz bereitet seinen Worten zufolge gerade ein entsprechendes Dokument vor.

Die Regierung dagegen plant - ohne vorher die Vertreter der Kirche, geschweige denn den Verband der Indigenen befragt zu haben - die Errichtung eines 16 Meter hohen Kreuzes im Küstenort Porto Seguro, wo am 22. April des Jahres 1500 die ersten portugiesischen Schiffe gelandet waren.

Wo die einen zelebrieren, wollen die anderen eine alternative Sicht der Geschichte propagieren, deren Eckdaten kurz zusammengefasst so aussehen: Seit Beginn der Kolonisation wurden 700 Indiovölker vernichtet und der Lebens-raum vieler anderer weitgehend zerstört. Dort, wo einst an die sechs Millionen Indios lebten, gibt es heute nur noch 500.000.

Dieser Genozid lässt sich, wie Maldos erläutert, durch Dokumente gut belegen; etwa mit jenem, in dem sich dereinst ein portugiesischer Gouverneur rühmte, nach einer Schlacht über eine Strecke von sechs Kilometern die Körper toter Indios aneinander gereiht zu haben.

Vertreter aller 200 Indiovölker Brasiliens werden im April an einem von Maldos koordinierten Sternmarsch teilnehmen. Zu Fuß, per Boot und Schiff werden Indigene aus allen Landesteilen nach Porto Seguro kommen und bereits auf dem Weg dahin in vielen Orten Diskussionsforen abhalten.

Indigenen-Konferenz

Höhepunkt soll nach einer eigenen Indigenen-Konferenz eine gemeinsame Veranstaltung mit Mitgliedern von Schwarzen-Organisationen, Frauengruppen, Landlosenbewegungen und Slumkomitees sein, kurz all jene Bevölkerungssegmente, die eines verbindet: Sie sind aus der brasilianischen Gesellschaft ausgeschlossen, sind ausgebeutet und an den Rand gedrängt. In einer gemeinsamen Kampagne wollen sie sich daher für "andere 500 Jahre" einsetzen.

Von Brigitte Voykowitsch

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