Aus: alle welt Mai/Juni 1998, Seite 25

GLOBALES TEILEN

Weltweite Geschwisterlichkeit als Antwort auf die Globalisierungsfalle:
Bischof Erwin Kräutler im "alle welt"-Interview.

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Herr Bischof, die Globalisierung ist auch an der Amerika-Synode der Bischöfe nicht spurlos vorübergegangen...

Sie haben uns das sogar ins Lateinische übersetzt: Conglobalicio. Es wäre aber interessanter, wenn man mehr von der globalen Solidarität sprechen würde. Die wäre nämlich die Antwort auf diese Globalisierungswelle und -falle.

Auf der Synode sprachen Sie von einem Requiem, das man in Bälde für Amazonien abhalten könnte, wenn sich nicht rasch etwas ändert. Sind die derzeitigen Waldbrände schon die Feuerbestattung?

Was ich gesagt habe, dazu stehe ich. Wenn es so weitergeht mit Abholzung und Brandrodung, wird es in 20 Jahren nicht mehr viel geben. Und da sind nicht die kleinen Bauern schuld. Die Indianer haben früher ja auch gerodet, aber das waren kleine Flächen, das konnte sich regenerieren. Man sollte vielmehr die Kleinbauern einmal begünstigen anstatt die Großkonzerne, die großflächig roden, hunderttausende Quadratkilometer, und damit durchkommen.

Wie beurteilen Sie eigentlich die Chancen, so etwas wie globale Solidarität durchzusetzen?

Statt einer Globalisierung zur Gewinnmaximierung wollen wir geschwisterliches Teilen zwischen Menschen und Völkern; dazu bedarf es der Bewußtseinsbildung; "alle welt" zum Beispiel ist bewußtseinsbildend, leider Gottes lesen sie nicht so viele wie die Kronen Zeitung.

Ich mache immer den Vergleich mit dem Indianermissionsrat in Brasilien; wir sind wenige, aber einer hat einmal gesagt: Ihr paßt alle hinein in einen VW-Käfer, aber ihr macht so einen Lärm, daß man das bis Japan hört. Ich denke, unsere Aufgabe ist es, diesen Lärm zu machen, obwohl wir die Welt nicht ändern werden von heute auf morgen; aber die Leute müssen zum Denken kommen und die Kirche hat eine wichtige Aufgabe, sie dahin zu bringen.

Ihr seht es ja hier auch schon, bei diesen Bankenfusionierungen; die Leute stehen auf der Straße und das ist ja bei uns noch viel katastrophaler; hier wird man ja von einem Netz - vorläufig jedenfalls noch - aufgefangen. Bei uns in Brasilien ist man auf der Straße, chancenlos, mit 40 kriegt man keinen Job mehr, außer vielleicht in einer Goldgrube, weit weg, und die Frau steht allein da mit vier Kindern und reiht sich dann ein in die Schlange vor dem Schalter irgendeiner caritativen Organisation. Und da meine ich, wir haben doch in der Kirche Leute, die was von der Wirtschaft verstehen, die Alternativen geben können, die die gängigen Modelle hinterfragen und sagen, in eine andere Richtung ist es gescheiter.

Eröffnen sich im Zeitalter der Globalisierung auch neue Horizonte für die Befreiungstheologie?

Sicher: als Antwort im Lichte unseres Glaubens auf grausame Situationen, die eben z.B. in Lateinamerika gang und gäbe sind. Ich meine, der Mann, der von Jerusalem nach Jericho geht, oder in Brasilien von irgendwo nach irgendwo und unter die Räuber fällt, und das sind ganze Völker, die blutend am Straßenrand der Globalisierung liegen, um den muß ich mich kümmern wie der Samariter. Denn: Toten kann ich das Evangelium nicht verkünden. Und Jesus hat gesagt, ich bin gekommen, damit sie das Leben haben. Jeder hat Recht auf ein menschenwürdiges Leben und das hat die Kirche zu vertreten.

Interview: Wolfgang Engelmaier

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